Die Luft im Zimmer war zum Ersticken schwül. Fast ungehindert schien die Sonne durch die dünnen, weißen Fenstervorhänge, und mißtönend klang von der Straße der Lärm der Droschken und Pferdebahnen herauf.
Warwara war langsam in den Vorflur gegangen, und Erik geleitete sie an die Hausthür. Sie wechselten kein Wort miteinander.
Erst an der Thür wandte sie sich um zu ihm und maß ihn mit einem sonderbaren Blick, den er nicht verstand. Bedauern lag darin, aber auch Ablehnung, eine kleine Ueberlegenheit über ihn, den Mann, und dann noch etwas, wie ein ganz leises Eingeständnis: »Ich möchte wohl die sein, die du brauchst, und die dich sättigen könnte, du Wilder. Aber ich bin's nicht.«
»Ich nehme an: Sie kommen nicht,« bemerkte sie dabei zerstreut.
»Mit Ihrer Erlaubnis: nein!« entgegnete er, und sann dem Blick nach.
Die Thür fiel ins Schloß. —
Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur festgesetzten Mittagsstunde, im Speisesaal erschienen, der, hoch und groß, mit dunkeln Mahagonimöbeln ausgestattet, in der Mitte einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte ihren äußern Menschen so glatt gebürstet und gestriegelt, wie der Onkel, die Tante und die Cousine sich zu tragen pflegten, und saß schweigsam auf ihrem Platz am Tisch, den ein Diener in weißbaumwollenen Handschuhen geräuschlos bediente. Während des Essens, das die Beteiligten in ausgiebigster Weise beschäftigte, blieb die Unterhaltung recht einsilbig. Der Onkel liebte keine langen Tischgespräche, und seine Frau hatte genug damit zu thun, ihn mit den richtigen Stücken zu versorgen.
Erst als die Mundspüler von grünem Glas, die kein Mensch benutzte, vor jeden einzelnen niedergesetzt waren, und vor der Tante die silberne Kaffeemaschine stand, auf der sie den Kaffee immer eigenhändig bereitete, wurde es ein wenig lebhafter bei Tisch. Darauf schien Ruth nur gewartet zu haben. Sie erhob sich leise von ihrem Sitz und wollte verschwinden.
»Gehst du schon auf dein Zimmer, mein Kind?« fragte die Tante, »dann sieh dich mal darin um. So unordentlich, so wenig zierlich sollte es bei keinem jungen Mädchen im Zimmer aussehen.«