»Nein, das thut sie auch nicht. Du idealisierst Ruth immer. Sie liebt uns einfach nicht genug, um sich enger an uns zu schließen. Manchmal denke ich: sie ist vielleicht herzlos.«
»Aber Mathilde! wie kannst du dem kleinen Ding etwas so Böses nachsagen! Lies mal den letzten Brief aus Belgien, wie sie sie da in der Pension loben und zurückverlangen.«
»Ja, das kennt man, mein Lieber. Sie war ein einträglicher Pensionär. Und dann sind sie dort katholisch. Wie kann man ihnen trauen? Ich bin es gerade, die deswegen für Ruths Uebersiedlung zu uns gewesen ist. Wir sind doch schließlich verantwortlich für sie. Dafür, daß sie in Zucht und Ordnung aufwächst. Was hat man davon, daß ihre Verwandten dort von vlämischem Adel sind? Die Ansichten sind doch die Hauptsache. Und die Leute dort kennt man nach der Richtung gar nicht.«
Der Onkel schwieg mit verdrießlichem Gesicht. Er wußte, daß für seine Frau alle Menschen außerhalb der kleinen baltischen Provinzen »diese Leute« waren, — während für ihn, gerade umgekehrt, die Welt erst jenseits der russischen Grenze anfing. Ihm kam nicht nur die beschränkte provinzielle Exklusivität seiner Frau lächerlich vor, sondern sogar auch ihr baltisches Heimatsgefühl. Mit seinem französischen Namen und den sowohl deutschen wie slavischen Elementen in seiner Familie fühlte er sich dermaßen als Kosmopolit, daß er nie eine Gemütsbeziehung zu irgend einem Lande und Volke besessen hatte. Er schalt und klagte nur deshalb nicht über Rußland, wie die meisten seinesgleichen, weil er dies für unvornehm hielt.
»Ruth würde jetzt gewiß nicht von hier fortgehen mögen, Mama,« bemerkte die Tochter, »jetzt, wo sie so gut wie erwachsen ist. Nirgends kann man doch so gut in die Welt geführt werden wie hier.«
»Aber mir scheint, das will sie gar nicht,« versetzte der Onkel lächelnd, der seine hübsche Tochter sehr gern in Gesellschaften begleitete, »sie hat ja ohnehin so viel Welt und Menschen gesehn und macht sich nichts daraus. Gott sei Dank also, daß wir mit ihr nicht noch einmal dieselben Umstände haben werden, wie seit einem Jahre mit dir, Liuba.«
»Nun bist du wahrhaftig im stande und setzest dein eigenes Kind für Ruth herab,« sagte seine Frau nervös, die kein Gehör für einen scherzenden Ton besaß, »laß sie doch nur in Gottes Namen nach Belgien reisen!«
»Nein!« entgegnete er ärgerlich, drehte seinen Stuhl vom Tisch ab, ergriff eine Zeitung und vergrub sich hinein. Als eine der unangenehmsten Eigenschaften an seiner Frau war ihm stets ihre unleugbare Vortrefflichkeit erschienen, gegen die es niemals einen Appell gab, aber beinahe noch unangenehmer erschien ihm dieser gänzliche Mangel an Humor.
Die Stunde des »intimsten, ungestörtesten Beisammenseins« war gründlich verdorben. —
Ruth freilich ahnte nicht, daß sie von ihrem leeren Platz am Tisch den unschuldigen Störenfried spielte, ja, sie hatte im Augenblick vielleicht fast vergessen, in welchem Lande der Erde, ob in Belgien oder Rußland oder Deutschland oder sonstwo sie sich befinde. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf ein wenig gesenkt, ging sie rastlos in ihrer Stube auf und ab, und dabei trug ihr Gesicht den Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens, wie vorhin auf der Schulbank während des Unterrichts. Ihre Wangen waren heiß und lebhaft gerötet, und von Zeit zu Zeit schüttelte sie den Kopf, als könne sie mir ihren Gedanken nicht recht ins reine kommen.