Nach einer Weile blieb sie stehen, strich sich das Haar aus der Stirn und entsann sich ihres Versprechens, »wunderschön aufzuräumen«. Damit ging es außerordentlich rasch. Jedes einzelne Ding, das herumlag, wurde in die ihm zunächstgelegene Schublade befördert, und als dies gewissenhaft geschehen war, zeigte es sich, daß im Zimmer verblüffend wenig Gegenstände übrig geblieben waren, die man nach der Vorschrift der Tante »zierlich« hätte ordnen können. Es war ein ganz wohnliches kleines Zimmer, mit hübschen Möbeln, einem rotsamtenen Ecksofa und sogar einer Nippesetagère, auf der ein gläserner Mops stand. Aber es trug nicht das Gepräge seiner Besitzerin, sondern das einer gut eingerichteten Hotelstube. Weder Arbeiten noch Liebhabereien plauderten etwas über das Wesen derjenigen aus, die hier schlief und lernte und träumte. Es hatte den Anschein, als sage Ruth täglich auch zu dieser Umgebung, wie vorhin in der Schule: »Ich gehe doch bald fort.«
Als Ruth fertig war, griff sie hastig nach einem weichen englischen Wollbarett von leichter grauer Strickerei, setzte es wie eine Knabenmütze auf den Kopf und rief den Diener aus der Dienerstube neben der Küche. Dieser saß in seinem geblümten Zitzhemde, die Messer putzend, rittlings auf einer Bank und sang dazu, so daß die Messer im Takte flogen. Es war ein junger Tatar, sehr gewandt und, als Mohammedaner, musterhaft nüchtern. Beten, singen und schlafen waren seine liebsten Beschäftigungen. Wie er Ruth rufen hörte, schlüpfte er eilig in seine dunkle Livree und öffnete ihr die Hausthür.
Sie ließ sich von ihm bis zum finnländischen Bahnhof begleiten; dort entließ sie ihn.
»Jetzt kannst du zu deinen Bekannten gehn, Basil,« sagte sie zu ihm, als er mit gezogenem Hut an der Waggonthür stand, »aber um neun Uhr mußt du mich hier wieder erwarten.«
Er nickte verständnisvoll mit dem kurzgeschorenen Kopf, der oben eine kreisrunde, glatt ausrasierte Stelle zeigte, sah aber dabei seine kleine Herrin etwas besorgt an. Er wollte gern zu »seinen Bekannten« gehn, aber unerhört kam es ihm vor, sie so schutzlos in die weite Welt hinauffahren zu lassen, namentlich gegen Abend, wo es so viele Betrunkene auf den Straßen gab.
»Dürfte ich nicht um die Erlaubnis bitten, mitzufahren?« fragte er und kämpfte mit dem heroischen Entschluß, freiwillig aus sein Vergnügen zu verzichten.
Ruth lachte über sein pfiffiges Tatarengesicht, das eben jetzt fast treuherzig aussah, und schüttelte den Kopf.
»Wo ich jetzt hingehe, darf niemand mitgehen!« sagte sie feierlich.
Während der Fahrt blickte sie ungeduldig hinaus, wie eine, die froh ist, alles hinter sich zu lassen; die kurze Strecke kam ihr lang vor, als führe sie wirklich weit — weit, in eine ganz andre Welt. Aber als sie dann am kleinen Stationsgebäude ausstieg und sich nach dem richtigen Wege durchfragen mußte, da wurde ihr bänglich zu Mut. Was ihr vorgeschwebt hatte, — zwingend, unwiderstehlich, — war ein ganz bestimmtes Traumbild, und solange nur ihre Phantasie daran herummalte, schien alles sich ihr von selbst zu verwirklichen. Das Wirklichkeitsbild aber, das ihr jetzt fremd entgegentrat und in den Traum eingriff, verschüchterte sie; es wäre eigentlich schöner gewesen, wenn alles sich auch noch weiter so von innen heraus geformt hätte, wie man es sich eben träumen läßt.
Die bange Empfindung nahm nicht ab, sondern zu, wie sie endlich dem Hause nahe kam, das sie suchte. Es war ihr, als erwache sie plötzlich und befinde sich todesallein in wildfremder Gegend. Eine förmliche Angst überfiel sie vor lauter Schüchternheit und wie gelähmt blieb sie am Gartengitter stehen.