Da lag das Haus vor ihr; eine Magd fegte auf dem breiten Kiesweg vorn die Strohhalme zusammen, die bis auf die Straße verstreut waren, und daneben stand ein Knabe, den Hut im Nacken, und sah zu. Der mußte sie sicher gleich bemerken. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt.

»Die Augen zumachen — fortlaufen!« dachte sie sehnsüchtig. Aber das durfte sie nicht. Ihren eigenen Willen durfte sie ganz gewiß nicht hinterdrein im Stich lassen.

Da sang eine Nachtigall im Fliedergebüsch am Zaun.

Und leise — leise, mit werbendem Klang, lockte aus der Tiefe des Gartens die zweite.

Ruths Augen schweiften am Hause vorbei über den Garten und blieben entzückt darauf haften.

»Der Frühling!« sagte sie jauchzend, ganz laut.

Sie hatte ihn noch gar nicht gesehen in diesem Jahr. Nun erst ward sie sich dessen bewußt, daß sie doch soeben, auf dem Wege vom Bahnhof, unter grünenden Birken gegangen war, und daß im Grase am Wegrand weiße Anemonen standen. Jetzt kam es ihr vor, als sei das nur so ein wenig Frühling gewesen, der von den Menschen, die aus diesem Garten traten, unterwegs verstreut wurde. Aber hier war der Frühling zu Haus, von hier mußte er kommen; und nun stand sie dicht am Gitter, hinter welchem er blühte. In dem rotgoldenen Duft, den die Sonne darum wob, schaute er mit der eben aufbrechenden Obstblüte und dem zarten Laub der Bäume wie ein Märchen hinter dem alten Hause hervor. Da einzutreten, das war fast, als ob man aus einem Traum gar nicht herauskam.

Jonas hatte sich neugierig der Gartenpforte genähert, an der jemand stand, von dem er nicht recht wußte, ob es ein Mädchen sei.

»Ich möchte hier herein!« sagte Ruth bittend. —

Erik und Klare-Bel saßen an dem noch nicht abgedeckten Mittagstisch im Wohnzimmer an der Terrasse, und wie immer erzählte Erik seiner Frau lebhaft und mitteilsam von den kleinen Begebenheiten des Tages. Voll Humor schilderte er ihr die Mädchenschule und Ruth. Warwaras Besuch in der Stadtwohnung erwähnte er nur flüchtig.