Da kam Jonas atemlos ins Zimmer gestürzt. »Papa! da ist jemand, der dich sprechen will. Ruth heißt sie. Ich habe sie in dein Arbeitszimmer geführt.«

»Aber Jonas!« rief seine Mutter, »wie konntest du das nur thun! Da drin muß es ja noch schauderhaft aussehen! Bringe sie doch herüber, Erik! bitte, bringe sie lieber herüber! Wenn Gonne nur abräumen möchte!«

Erik hörte es nicht mehr. Er war schon fort.

Als er raschen Schrittes über den Flur in sein Zimmer trat, stand Ruth mitten in demselben, etwas vornübergeneigt und die Hände fest gegen die Brust gedrückt. Der erste Eindruck, den er empfing, war wieder der des Scheuen, Vereinsamten, wie in dem Augenblick, wo sie so still gesagt hatte: »Mir hilft niemand!« Wie er sie so dastehen sah und sie ihm mit großen, bangen Augen entgegenblickte, erinnerte sie in keinem Zuge mehr an den ausgelassenen Jungen im Schulhof.

Erik kam nur undeutlich die Vorstellung davon, daß man im Fall eines unerwarteten Besuches zunächst einen Stuhl anbietet und irgend etwas Freundliches sagt. All dies Gethue kam ihm wie zu einer andern Welt gehörig vor, — jedes konventionelle Wort vergaß er dieser schüchternen, kindlichen, sichtlich aufs tiefste ergriffenen Gestalt gegenüber. Es war, als stände sie auf einer einsamen Insel, am weiten Meeresstrande, ganz allein vor ihm — ein Kind aus dem Volke — und ringsum nichts als ein paar schwebende Möwen über ihren Köpfen.

Ganz unwillkürlich, aus diesem Eindruck heraus, fand er nur das Wort der Freude: »Kommst du zu mir?«

Das »Du« wirkte wie eine Erlösung auf sie. Es schien ihr in dieser Einfachheit ein Zauberwort, das die fremde, herzbeklemmende Wirklichkeit mit einem Schlage verwandelte, — sie umwandelte zur traumhaften Verwirklichung dessen, was Ruth ersehnt und ersonnen hatte.

Sie machte einen Schritt auf Erik zu, ein heller Ausdruck flog über ihr ganzes Gesicht, und die Hände fester gegen die Brust pressend, deren Herzklopfen ihr den Atem benahm, sagte sie kindlich: »Danke!«

Er hatte sich auf einen der umherstehenden Stühle gesetzt und faßte ihre Hände in den seinen zusammen. Die Hände zitterten, und es fiel ihm auf, wie blaß und schmächtig sie aussah, wenn nicht der Ausdruck übermütiger Lebenslust, den er an ihr gesehen, darüber wegtäuschte.

»Fürchtest du dich?« fragte er, und sein Blick ruhte aus dem schmalen Gesichtchen.