Sie schüttelte den Kopf.

»Sie finden sie nicht schön!« sagte Ruth traurig.

Er setzte sich zu ihr auf einen Ledersessel, der am Fenster stand, und neigte sich ein wenig vor.

»Willst du sie künftig mir erzählen?« fragte er ernst, »aber alle, ohne eine Ausnahme. Und ohne einen Winkel, in den ich nicht hineinsehen könnte. Ich muß alles wissen und hören, was durch diesen phantastischen, unnützen Kopf geht. Wir wollen einen ordentlichen Vertrag machen: du sollst sie auch niemand sonst mehr erzählen. Nur mir. Immer, mit allem hierher kommen. Du wolltest ja hierher gehören. — Wirst du es bedingungslos und gehorsam thun?«

Ihre Augen waren groß und dankerfüllt auf ihn gerichtet; er konnte es an ihrem Gesicht sehen, wie die Gedanken in ihr vergebens nach Ausdruck rangen, aber er hatte dennoch keine Ahnung davon, mit welch einem innern Jubel ein neues Glück ihr aufging. Sie wollte es ihm so gern sagen, aber in ihrem wortarmen Gefühl verstummte sie statt dessen gänzlich, und plötzlich, als müßte sie sich anstatt des Wortes wenigstens durch die Gebärde helfen, glitt sie nieder vom Stuhl und kniete bei Erik hin, — wie auf einen ihr nun zugewiesenen Platz, erwartungsvoll, mit einem Blick wie ein Kind um Weihnachten.

Sie fühlte sich so glücklich. Zu Hause. Geborgen. Von hier aus mußte alles Gute kommen.

Er strich ihr leise über das Haar. »Also höre unsern Vertrag zu Ende,« sagte er in dem ruhigen Tone, unter dem sie ganz still wurde und lauschte, »wenn du mir deine Geschichten schenkst, dann schenke ich dir auch etwas. Du sollst, soweit es an mir liegt, nicht in deiner eigenen Phantasie stecken bleiben, sondern mit klarem Blick so weit schweifen lernen, wie das Leben — das wirkliche, herrliche Leben — reicht. Und, wenn es auch anfangs Anstrengung von dir verlangen sollte, meinst du nicht, daß ich dich damit etwas Schöneres lehren werde, als du bisher dir geträumt und zusammengedichtet hast?«

»Ach ja!« rief sie sehnsüchtig, als strebe sie verlangend beide Hände nach etwas Erwartetem aus, — »das ist sie ja: von allen die allerschönste Märchengeschichte!«

Ihm fiel der Ausdruck auf, weil sie ihn schon im Schulhof den Mädchen gegenüber gebraucht hatte.

»Gerade das sagtest du ja, als du heute morgen den Mädchen erklärtest, daß du etwas Neues vorhabest. Was war es denn?«