»Es war nur, — ich hatte alle diese Geschichten auf einmal so satt; alles stockte auf einmal, — nichts mochte ich mir weiter ausdenken. So schön ich es mir auch ausdachte, mit so vielen Menschen drin ich es nur auch ausdachte, — ich blieb immer allein. Die Menschen grüßten, und gingen vorüber. Und da — da kam eine solche Sehnsucht, — seit vier Tagen solche Sehnsucht. Ich konnte nicht mehr spielen. Nie mehr.«
»Sehnsucht — wohin?« fragte er halblaut.
»Hierher!« sagte sie mit leiser Stimme und wandte den Kopf hinweg.
Er ließ ihn frei, ließ zu, daß sie ihn wieder an seinem Rockärmel versteckte.
Beide Arme hatte er um sie geschlungen.
II.
Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und Handschuhe auf den Knieen und blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Gespräch der beiden zuhörte.
»Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde,« sagte der Onkel jetzt, »denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist Ruth gerade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohnedies nicht, was die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehen.«
Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde stark durch dieselbe beeinflußt. Der Onkel, mit seinem aschblonden, schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und mit seinen frauenhaft feinen Händen, gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine ausgesprochene Antipathie.
»Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären jetzt auch durchaus keine geeignete Beschäftigung für Ruth,« bemerkte er aufblickend; »sie muß zu thun haben, — wirkliche Arbeit und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige Ueberanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am meisten.«