»Siehst du; was sage ich immer?« fiel die Tante ein, und nickte ihrem Mann bedeutsam zu; »ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren. Aber du hast das immer am bequemsten gefunden.«
»Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen Frauenzimmer anfangen,« versetzte der Onkel begütigend, »man konnte sie doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?«
»Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du mir wirklich nicht vorzuhalten, — es ist ja gerade, als ob ich Ruth Dinge verrichten ließe, die sich nur für den niedersten Dienstboten schicken!« sagte seine Frau, die scherzende Uebertreibung unerbittlich ernst nehmend, »aber ein wenig sich im Häuslichen umsehen, — das hätte Ruth ganz wohl können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der Beruf der Frau.«
Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große, stattliche Erscheinung der Tante, an der es ihm charakteristisch für ihr ganzes Wesen vorkam, daß die ihr gewohnten guten Formen des äußeren Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht verdecken konnten.
»Was das anbetrifft,« unterbrach er sie ungeduldig, »so brauchen Sie sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte ›häusliche Hilfe‹, bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall eine gleichgültige Spielerei, — im schlimmern Fall weckt sie die Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätte ich gegen das Stubenscheuern nicht viel einzuwenden.«
Der Onkel lachte erfreut auf. »Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau gründlich verdorben!« drohte er scherzend, »aber ich muß bekennen, daß ich gar nicht begreife, warum sie alle beide so versessen darauf sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich habe ich nicht das Geringste gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen, — im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu sein.«
»Ich glaube, Sie täuschen sich,« entgegnete Erik in bestimmtem Ton, »Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung gesehen. Wenn dieselbe nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läuft Ruth Gefahr, an ihrer Phantasie geistig zu erkranken.«
Der Onkel schüttelte verwundert den Kopf.
»Das ist doch kurios,« sagte er, »ich habe Ruth stets für ein höchst praktisches kleines Frauenzimmer gehalten. Von Phantasie war doch nie eine Spur an ihr zu bemerken. Alles was sie sagt, ist ja so direkt und nüchtern. Und am liebsten sagt sie gar nichts. Sie sollten nur wissen, wie nüchtern sie in allem ist, wo die jungen Mädchen sonst ihre Phantasie sitzen haben! Das hat mir stets so gut gefallen. Da kann Liuba gar nicht mitkommen.«
Seine Frau sah ihn verletzt an.