»Glücklicherweise nicht!« bestätigte sie etwas erregt, »Liuba würde nicht umhergehen, wie in einen grauen Sack gekleidet, bloß weil es so am bequemsten ist. Und überhaupt, — denken Sie nur, neulich höre ich, wie meine Tochter zu Ruth sagt: ›paß nur auf; wenn du ein Jahr älter bist, dann wirst du schon wissen, was schön und häßlich ist, und wirst am Spiegel fragen: Wie gefall' ich ihm?‹ — — Mein Gott, Sie wissen ja, wie junge Mädchen so untereinander reden! Aber was antwortet Ruth darauf? Sie lacht nur, und dann fragt sie erstaunt: ›Warum nicht lieber: wie gefällt er mir?‹«
In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Ruth trat ein.
Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß sie Besuch vorfinden würde. Als sie so unerwartet Erik erblickte, fuhr sie zurück und wurde glühend rot. Diese plötzliche Anwesenheit seiner Person inmitten der Ihrigen, die ihr so fern standen, — die unerwünschte Vermischung eines sie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die sie mied und floh, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf sie. Etwa so, wie wenn eine Traumgestalt aus herrlichen Phantasien ins wirkliche Leben niedersteigt, um ein banales Gespräch zu führen; — etwa so, wie wenn man das Intimste, was nicht einmal Worte besitzt, in die Sprache des Pöbels übersetzt findet.
Daß Erik herkommen, daß er sich überhaupt mit ihren Verwandten auseinandersetzen mußte, das fiel ihr nicht im geringsten ein. Er hätte das schon so einrichten müssen, daß es eine Angelegenheit aus einer andern Welt — aus ihrer Welt blieb. Lieber noch wäre sie dann des Nachts, heimlich, und auf bloßen Füßen bis zu ihm hingelaufen.
Entsetzlich rot und linkisch sah sie aus, wie sie sich da, verlegen und mit scheuem Gesicht, in die Thürspalte drückte. Aber nicht Verlegenheit empfand sie, sondern eine unentwirrbare Mischung von Zorn und Scham, — Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges, vor fremden Augen herumgezeigt und besprochen wurde.
»Nun, Ruth, benimmt man sich so?« bemerkte die Tante verweisend, »kannst du nicht näher kommen?«
Da that sie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände vor die Augen, und so, mit scheuklappenartig verdecktem Gesicht, ging sie, wie ein Kind, das sich vor fremden Gästen fürchtet, durch das Zimmer bis vor den geschnitzten, runden Sofatisch, um den sie saßen.
Der Onkel lachte, seine Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte strafend: »Ein so großes Mädchen!«
Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr gewandt hatte, blickte sie schweigend und aufmerksam an. Als sie dicht neben ihm stand, hob er die Hand und zog ihr die Hände vom Gesicht fort. »Warum willst du mich heute nicht ansehen, Ruth?« fragte er sie.
Sie antwortete nicht. Noch war sie sehr rot und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Dieses »Du«, das er zu ihr sagte, und das sie gestern so dankbar hingerissen hatte, verletzte sie heute beinahe. Es klang ganz anders — hier, an dieser Stelle, — es klang wie die Anrede, die man einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Erwachsenen dasteht. Ja, sie stand ihm und den andern gegenüber, und sie verhandelten da über sie, als wäre sie verraten und verkauft, — als handle es sich gar nicht um ihre — ihre eigene, eigenste Angelegenheit.