Durch Erik fühlte sie sich verraten und verkauft.
»Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen Seite kennen,« meinte der Onkel, noch immer lächelnd, »aber sie ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Was ist dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab' ich dich noch nie gesehen.«
Erik, der sie unverwandt ansah, suchte jetzt die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.
»Wir wollen schon mit einander zurechtkommen,« sagte er mit warmer Stimme und wandte sich an den Onkel mit einer Frage wegen Tag und Stunde des geplanten Unterrichts.
Ruth stand teilnahmlos daneben, ohne die Wechselreden der andern zu beachten. Nur die Röte wich allmählich von ihrem Gesicht und machte einem Ausdruck verhaltener Traurigkeit und Enttäuschung Platz. Sie blickte nicht auf, sondern studierte eingehend das glänzende Muster des Parkettfußbodens.
Da, als Erik schon Miene machte, sich zu verabschieden, hörte sie ihren Onkel sagen: »Also, wenn es Ihnen wirklich kein zu großes Opfer ist, erwarten wir Sie jedesmal hier, am Nachmittag, nach Ihren Schulstunden!«
»Nein!« warf Ruth plötzlich laut dazwischen. Es war, als ob sie aufwachte. Erstaunt und blitzend gingen ihre Augen vom einen zum andern; »hierher das ist ja ein Irrtum. Ich werde hinauskommen.«
Alle sahen sie verwundert an, als sie das so kategorisch, ohne eine Spur von Befangenheit erklärte. Erik aber erhob sich rasch.
»Das ist am Ende wirklich das Bessere,« stimmte er ihr unwillkürlich bei, »und wenn Ruth den Weg nicht scheut und den Abend dann bei uns verbringen will, so wäre es in der That während dieser Sommertage vorzuziehen.«
Er sprach nicht mehr mit ganz der gleichen, überlegenen Sicherheit wie vorhin, sondern etwas hastig. Ein schwacher Reflex von dem, was Ruth so peinigend und störend an der Situation berührt hatte, schien jetzt auch auf ihn überzugehen, als ahne oder begriffe er plötzlich ihre zornige Scheu. Als er ihre Augen so vorwurfsvoll und mit einem unkindlichen, fast strengen Blick auf sich gerichtet sah, da kam es ihm selbst mit einemmal sonderbar vor, daß er sie anderswo um sich hatte haben wollen, als in seinem eigenen, stillen Zimmer, — dort, wo sie zu ihm gekommen war. Beinahe hätte der Zufall es so gefügt. Aber sie ließ keinen Zufall zu. Klar und zwingend wie eine Vision stand vor ihren Augen, was sie sich ersehnt und erträumt hatte.