Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, und die Tante hinausging, blieb Ruth regungslos stehen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gebückt, wie immer, wenn etwas sie sehr beschäftigte. Im Flur hörte sie die Hausthür gehen, dann einen raschen Schritt auf der steinernen Treppe. Darauf wurde es ganz still.
Sie sah das Zimmer wie durch einen Schleier, überschüttet von blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen Blattgewächse und Palmengruppen in beiden Fensterecken hindurchschimmerte und an den vergoldeten Rahmen der Gemälde aufblitzte, die schon einen dünnen Tüllbezug gegen Staub und Licht erhalten hatten.
Ruth ging langsam auf den Stuhl zu, auf dem Erik vorhin gesessen hatte. Sie setzte sich hin, legte beide Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.
Und dann fing sie an bitterlich zu weinen. —
Bei Tisch, zu Mittag, beobachtete der Onkel Ruth nachdenklich. Es hatte ihm so sehr imponiert, daß Erik alles zu ergründen schien, was in ihr vorging. Da saß sie nun so schweigsam. Freilich konnte man nicht wissen, woran sie dachte. Aber das konnte dieser Lehrer doch auch nicht. Er war doch kein Hellseher.
»Woran denkst du eigentlich den ganzen Tag?« fragte Onkel Louis plötzlich ärgerlich.
»Ich? An gar nichts!« versicherte sie mit einem verwunderten Blick.
»Aber an irgend etwas mußt du doch denken. Das thut ja jeder Mensch. Woran dachtest du zum Beispiel jetzt eben?«
»Jetzt eben dachte ich an Großpapa,« sagte Ruth.
Darüber freute sich ihr Onkel und sah sie freundlich an. Er hatte seinen Vater unendlich lieb gehabt.