»Du warst erst fünf Jahre, als deine Eltern starben, und du damals hierher kamst; erinnerst du dich denn seiner noch?«

Sie nickte, und vor ihrem Blick tauchte die erste ganz bewußte und deutliche Erinnerung aus ihrer Kindheit auf: eine Generalsuniform, ein schneeweißer, großer Schnurrbart, und darüber zwei gütige blaue Augen — Kinderaugen eigentlich.

»Einmal hob er mich aus dem Bett — er sah so schön aus, mit Bändern und Sternen, und blitzte über und über, — und da kam seine brennende Cigarette an meinen bloßen Arm. Ich schrie sehr. Und da kamen ihm Thränen in die Augen — aber wirkliche, große Thränen, so daß die Augen ganz voll davon standen. Und dann drückte er mich an sich und küßte mich, — auf den Arm und den bloßen Hals und das Gesicht und den ganzen Körper. — So war Großpapa. — Jetzt würde ich mir gern den Arm abbrennen lassen, wenn er mich nur noch einmal so küssen wollte!« fügte sie wild hinzu.

Man sah, wie es in ihr gärte. Großpapas Zärtlichkeit hatte sie nie vergessen können.

»Hast du Bilder und Andenken von ihm?« fragte der Onkel und dachte darüber nach, was er ihr schenken könnte.

Sie schüttelte den Kopf.

»Keine Bilder. Nur ein Knallbonbon. Das brachte er mir einmal vom Kaiser mit. Von einem Galadiner. Ich glaubte so bestimmt, es müßten goldene Kleider drin sein. Aber Großpapa meinte, es wären nur Kleider von dünnem Seidenpapier mit einem kleinen Rand von Flittergold. Da habe ich das Bonbon lieber nicht knallen lassen. Ich habe es noch. — Und so sind eigentlich noch immer goldene Kleider drin.«

Dem Onkel kam ein Lächeln. Erik imponierte ihm lange nicht mehr so sehr. Großpapas Küsse, Knallbonbons, goldene Kleider und Kleider aus Seidenpapier — das waren doch sicherlich normale und harmlose Phantasien eines Kinderkopfes. —

Als Ruth am nächsten Nachmittag zu ihrer ersten Unterrichtsstunde fortging, zupfte Onkel Louis sie tröstend am Ohrläppchen und raunte ihr zu: »Du! wenn du ihm weglaufen solltest, so nehme ich dich in Schutz!« —

Aber als Ruth diesmal am Gartenzaun des Landhauses stand, kam ihr nicht, wie neulich, der Gedanke an Weglaufen. Sie zauderte auch nicht mehr so lange einzutreten, sondern stieß die Pforte auf und ging geradeaus — nicht hinten die Terrasse hinauf und in das Haus, sondern weiter, in die Tiefe des Gartens, der sie das erste Mal so gelockt hatte.