»Nein. Nur diese hier thun es,« bemerkte Ruth und streckte ihre Hand gegen den Kirschbaum aus, von dem unter Jonas' unvorsichtiger Berührung die zarten Blütenblätter auf ihren Arm niederschwebten.

»Dies hier sind gute Kirschen. Hoffentlich von den roten, durchsichtigen,« meinte Jonas, »denn die esse ich am liebsten. Sonst haben wir fast nur Apfelbäume und gewöhnliche Holzbirnen.«

»Sie sehen ebenso schön aus,« entgegnete Ruth; »wenn man am Gitter steht, sieht es aus wie ein Märchen. Aber später werden sie so grün und natürlich wie die andern Bäume. Nur kleiner.«

»Das muß so sein,« erklärte Jonas gleichmütig, »sonst würde der Rasenplatz ja niemals rechten Schatten kriegen. Und der ist das Beste vom Sommer. Denn gerade hier, am Springbrunnen unter den Obstbäumen, liegt meine Mutter im Ruhestuhl. Und sie kann die viele Sonne nicht vertragen.«

Ruth sah ihn mit Interesse an. Es kam ihr als etwas Besonderes vor, daß er sich seiner kranken Mutter wegen über die Bäume und den Schatten freute und die grünen Blätter besser fand, als all die wunderschönen weißen Blüten. Die Schulmädchen, die sie kannte, besaßen zwar meistenteils auch Mütter, aber die pflegten gesund zu sein, und nie hatte sie gehört, daß sie sich derentwegen auf den Sommer freuten, sondern immer nur wegen der Ferien. Und dann waren es Mädchen. Dies hier aber war ein Junge.

Sie betrachtete Jonas genauer, und er gefiel ihr sehr gut. Und auch er sah jeden Augenblick zu ihr hinüber, und auch sie gefiel ihm über die Maßen.

»Ist sie sehr krank?« fragte sie nach einer Weile zaghaft.

»Nicht sehr. Sie kann nur nicht aufstehen, — schon viele Jahre nicht;« belehrte er sie, »wenn sie das thun will, dann nimmt Papa sie in die Arme und trägt sie. Das kann er so prachtvoll. Manchmal hat sie auch Schmerzen, und weint. Und dann muß Papa immer bei ihr sein, und das hilft ihr.«

Ruth wandte unwillkürlich den Kopf dem Hause zu, wo die kranke Frau lag, und wo er war, der sie trug, und der ihr half, wenn sie Schmerzen hatte.

»Hinter diesem Fenster,« sagte Jonas und wies mit der Hand über die Terrasse nach dem Wohnzimmer; »da ist eben ihr Stuhl der Sonne wegen hineingetragen worden.«