Dann sah er aber doch wieder auf die Uhr.
Ihm war die Ahnung gekommen, daß es doch nicht so ganz von selbst gelingen werde, bestimmende Macht über Ruth zu gewinnen, wie er es sich an jenem wundersamen Maiabend gedacht. Sie wollte durch keine unerwartete oder unerwünschte Bewegung seinerseits in ihrem selbständigen Traumleben gestört werden, und erhob sie ihn auch zum Helden ihrer »allerschönsten Märchengeschichte«, so mußte er sich dabei doch ganz still verhalten und auf alle ihre Intentionen eingehen, — sonst entglitt sie ihm leise wieder, so leise und traumhaft, wie sie in sein Leben gekommen war.
Das durfte nicht sein; der Erzieher in ihm litt es nicht, daß ihm mißlinge, was er sich mit Ruth vorgenommen hatte. Er wußte: er würde nicht eher ruhen, als bis er ihren Willen ganz in der Hand hielte. Aber welch eine zarte Hand wollte er dann für sie haben!
Neben diesen pädagogischen Erwägungen erfüllte ihn eine ungeduldige Freude. Freude über den Kampf, der ihm mit Ruth bevorstand. Erik, der andre weit besser zu erforschen verstand, als sich selbst, ahnte gar nicht, wie stark sich unter dem Deckmantel des Pädagogen ein jugendliches, herrschsüchtiges Verlangen in ihm regte.
Er wandte sich dem Garten zu.
»Jetzt kommt sie!« sagte er, und wirklich, es klang wie ein Seufzer der Erleichterung.
Seine Frau unterdrückte ein Lächeln und nahm ihre Arbeit wieder auf. »Nun, viel Erfolg, Erik! Vergiß nur nicht, daß wir um neun Uhr den Thee nehmen. Du wirst sie hungrig und durstig machen, denke ich mir.«
Er war über den Flur in seine Arbeitsstube gegangen und öffnete schon von innen her die Thür, als Ruth kam und anklopfen wollte.
»Endlich!« bemerkte er, während sie eintrat, »weißt du, Ruth, was meine Frau soeben meinte? Sie meinte, du seiest gewiß viel lieber mit Jonas draußen im Garten, als bei mir hier in der Stube. Was sagst du dazu?«
Sie blickte ihn unsicher an und setzte sich auf seinen Wink in den Ledersessel, der am Fenster stand. Dann erwiderte sie mit niedergeschlagenen Augen: »Ich bin doch gekommen, weil ich wollte, — nur weil ich's wollte. Daß Jonas auch hier ist, wußte ich doch gar nicht. Das ist ja nur Zufall. Den fand ich hier.«