Er wußte nicht gleich, was ihn an der Antwort, die keine war, überraschte. Sie betonte ausschließlich, daß sie ganz aus freien Stücken hier sei. Auf einen Vergleich ließ sie sich vorsichtshalber gar nicht ein.
»Wenn es in der Folge nur nicht umgekehrt kommt, mein liebes Kind,« sagte er, an seinen Schreibtisch tretend, und legte einige Hefte und Bücher zurecht, »denn mit Jonas plaudern oder im Garten umhergehen wirst du ja in der Folge nur, wenn du ›willst‹, das heißt, wenn Stimmung und Laune dir zufällig danach stehen. Hier hingegen, wo du freiwillig hergekommen bist, kann es doch nicht ganz so bleiben. Hier wird dich notwendigerweise etwas fest Bestimmtes erwarten, das vom Augenblick und seinen Stimmungen unabhängig ist. Also auch etwas, wovon du manchmal denken wirst: ›ganz so möchte ich's nicht, — ganz so meinte ich's nicht, — dies da soll anders sein, — das da soll heute nicht da sein‹. Ist es nicht so?«
Sie schwieg hartnäckig und machte ein verschlossenes Gesicht. Es war ihr wirklich ungefähr das durch den Kopf gegangen, was er da sagte. Aber daß er das wissen konnte, kam ihr sehr unangenehm vor.
Er blieb bei ihr stehen und nahm ihr die Wollmütze, die sie aufbehalten hatte, vom Haar.
»Nun, Ruth, gestern hast du mich nicht ansehen wollen, und heute willst du mich nicht anreden. Hältst du so unsern Vertrag? Und ich hoffte bestimmt, daß du mir viel erzählen würdest. Viel — alles. Alle deine schönsten Geschichten.«
»Nein,« erklärte Ruth, »nie und nimmer. Ich will nichts erzählen. Ich will alles für mich allein behalten.«
»Du Geizhals!« sagte er und lachte, »das ist sehr schlimm. Ist es nicht schlimm, wenn man einen zu Gaste geladen hat und dann die Hausthüre vor ihm zuschlägt? Aber zum Glück kannst du das gar nicht mehr, Ruth. Hast du mir nicht deine Geschichten geschenkt? Hast du das vergessen? Nun sind sie mein Eigentum. Ich kann mit ihnen machen, was ich will. Ich kann sie dir aus dem Kopf herausnehmen und für mich ganz allein behalten.«
»Ach nein!« fiel sie etwas lebhafter ein und griff unwillkürlich nach ihrem Kopf, »das geht ja gar nicht. Es geht nicht, wenn ich nicht will.«
»Du spricht so viel von deinem Willen, Ruth. Und daß du nur hier bist, weil du gerade willst. Aber weißt du denn eigentlich auch, wozu du es willst?«
Sie stutzte und blickte auf. Als sie nicht gleich eine Antwort fand, fügte er hinzu: »Ich weiß es für dich: du wolltest eben diesen Willen klären und erziehen lassen von jemand, der dich lieb genug dazu hat. Alles Lernen ist nur ein Mittel dazu.«