Ruth legte ihre Hände an die Seitenlehnen des Sessels, und ihr Gesicht wurde noch ablehnender. »Wie wenn sie ein Visier vorgelegt hätte!« dachte Erik, sie betrachtend. Aber hinter diesem Visier arbeitete eine steigende Erregung in ihr. Die passive Stimmung, in der sie heute hergekommen war, hielt unter Eriks Andrängen nicht stand, aber noch weniger vermochte sie den Traum und das seltsame Glück des ersten Abends wieder zu erhaschen. Sie verschloß und verbarg sich daher instinktiv vor ihm, wie vor einer Macht, die man sich erst genau ansehen muß, ehe man sich mit ihr einläßt.
»Alles ist heute anders!« murmelte sie.
»Es wird immer anders sein, als du es dir willkürlich ausmalst,« entgegnete er in ruhigem Ton, »und das soll es auch, Ruth! Es soll zu ernst sein für ein bloßes Spiel der Phantasie. Siehst du, auch ich habe mir etwas Schönes ersonnen und geträumt, das ich in dir verwirklicht sehen möchte. Ich versprach dir doch: für die Geschichten, die du mir erzählen wolltest, solltest du eine durch mich erleben. Die Allerschönste — sagtest du nicht so? Mit dem Erzählen mußt du es nun halten, wie du willst, aber mit dem Erleben wirst du es halten, wie ich will. Es war mein Geschenk für dich. Und wenn du heute auch nichts davon wissen willst, so wirst du es doch trotzdem annehmen müssen.«
Ruth wurde unruhig. Sie kannte nur zwei Sorten Menschen, und daß sie Erik in keiner von beiden unterbringen konnte, ängstigte sie. Die eine Sorte bestand aus ihrer jeweiligen täglichen Umgebung, die ihr meistens störend oder gleichgültig war und wirkungslos an ihr abglitt; die andre bestand aus den fremden Menschen, die sie, wie Schattenbilder, aus der Ferne betrachtete, und denen sie die äußere Anregung zu ihren Phantastereien entnahm. Zu denen konnte Erik nicht gehören, denn die thaten nur, was sie wollte, — sie waren ja nur, was sie wollte. Er hingegen war eine Wirklichkeit, die auf sie eindrang. Sie konnte ihn aber auch nicht abwehren, wie sie die Ihrigen von sich abwehrte, denn es war etwas da, was sie mächtiger reizte und anregte, als es alle Schattenbilder zusammen gethan.
Sie sah ihn scheu an.
»Ich will lieber ein andres Mal kommen,« bat sie leise, »ich kann heute nicht lernen. Ich kann's nicht.«
»Doch! doch!« entgegnete er beschwichtigend, »du kannst es. Und im Grunde willst du es auch. Aber wir können nicht in jedem Augenblick den Kampf darum von neuem aufnehmen. Der muß ein für allemal entschieden werden. Du oder ich, Ruth! Einer von uns beiden muß gehorchen.«
Da sprang Ruth plötzlich auf und sagte undeutlich: »Dann kann ich auch fortbleiben.«
Es war ihr ganz spontan, wider alle Ueberlegung, entfahren. Aber nun half es nichts. Nun war es heraus.
Erik sah, wie sie ganz blaß und über sich selbst erschrocken dastand, und ein heftiges Mitleid mit ihr erfaßte ihn. Ihm kam es vor, als habe er sie mißhandelt, und sein Blick wurde sehr weich.