»Ach, Erik, das kann doch gar nicht sein. In diesem ›Winkel‹ haben wir uns eins der teuersten Landhäuser ausgesucht. Ich habe ja nichts dagegen zu sagen gewagt. Aber wenn du wüßtest, wie es mich im stillen drückt. Denn du bist es ja, der seine ganze Kraft aufwenden muß, um das viele Geld zu verdienen.«
»Meine ganze Kraft aufwenden!« wiederholte er langsam, »wie schade ist es doch, Bel, daß es nicht wahr ist. Ich glaube fast, das wäre so schön, daß ich's sogar umsonst thäte! Es dürfte dann freilich nicht bei den paar armseligen Schulstunden bleiben. — Nein, du, in diesem heiligen Lande vergesse ich bald, daß ich überhaupt Kraft anzuwenden habe. Und da wollen wir uns doch wenigstens des Lebens freuen, wenn — ich Geld habe. Sind wir nicht ganz eigens dazu vor einem halben Jahr hierher gepilgert?«
Sie hörte nicht die Ironie aus seinem Ton heraus.
»Nun ja, Erik, es ist nur gut, daß dir immer alles zu leicht und zu wenig scheint,« sagte sie, »du hast eine solche merkwürdige Frische. Aber ich wüßte doch wahrhaftig nicht, wo du beim besten Willen noch mehr Schulstunden hineinstopfen könntest?«
Ein Zug von Pein ging über sein Gesicht. Er antwortete nicht, sondern kehrte sich ab und lehnte sich in das breite Fenster des Wohnzimmers. Jonas war aus dem Garten hereingekommen, blieb neben dem Vater stehen und blickte hinaus.
Draußen kämpfte der letzte Nebel gegen die Maisonne; man konnte in der Tiefe des Gartens einzelne Obstbaumgruppen unterscheiden, in deren Mitte ein zusammengebrochener Springbrunnen stand. Im Hintergrunde schloß ein kleines Gehölz von Birken, Pappeln und Weiden, an denen noch die Kätzchen niederhingen, die Aussicht ab. Näher zum Hause streckten ein paar mächtige Ulmen ihre Zweige bis über das Dach.
Süß und laut schlug den beiden am Fenster die erste Nachtigall des Jahres entgegen. Einen Augenblick lauschten sie stumm.
Wie die Gesichter von Vater und Sohn einander so nahe gerückt waren, fiel die Aehnlichkeit zwischen ihnen auf; sie trat noch stärker dadurch hervor, daß Erik sich bartlos trug. Derselbe blonde Kopf, breit ausgebaut in Stirn und Schädelform, dieselbe ein wenig stumpf abschließende Nase und derselbe große, im Sprechen und Lachen sehr ausdrucksfähige Mund. Aber diese ein wenig groben Züge bedurften sichtlich mancher Jahrzehnte, um durchgeistigt und fesselnd zu wirken. Eriks Züge waren beredt geworden in all jenen feinen Linien und Schatten, die ihnen erst seelischen Reiz verliehen, als die Jugend von ihm ging. Jonas dagegen besaß noch ein frisches Apfelgesicht, das in seiner vollendeten Harmlosigkeit ihn oft minder geweckt erscheinen ließ, als er wirklich war. Schön konnte man an ihm nur die großen Blauaugen der Mutter finden, und deren blendende Haut, die nur das Krankenlager an ihr entfärbt hatte.
Klare-Bel lag still und blickte auf ihre beiden liebsten Menschen. In ihren Gedanken sah sie Jonas schon herangereift zu der hochgewachsenen Gestalt ihres Mannes; sie glaubte im Knaben ihn wiederzuerkennen, so wie er damals war, als sie ihn kennen lernte und er um sie warb. Es war ja auch gar keine so bedeutende Anzahl von Jahren, die ihn damals von Jonas' Alter unterschied — einundzwanzig Jahre zählte Erik erst, als sein Knabe ihm geboren wurde. Sie fühlte jedesmal eine kleine Regung von Stolz, wenn sie daran dachte. Hatte er sich doch toll genug in sie verliebt, um sie, mitten in seiner leichtlebigen Pariser Studentenzeit, frischweg vom Fleck zu heiraten! Er, der begabte, ehrgeizige, früh weltmännisch geschulte Mann band sich an sie, das einfache Kinderfräulein, das nur der Glücksfall einer günstigen Stellung aus ihrer kleinen holländischen Vaterstadt Haarlem in die vornehmen Gesellschaftskreise von Paris geführt hatte. Die fremden Kinder an der Hand, hatte sie bewundernd in den Salon gelugt, in dem er verkehrte. Später gingen sie von Paris nach Deutschland und nach England und lebten ein paar Jahre von dem ganz geringen Vermögen, das schnell verbraucht war. Eriks Studien waren breit angelegt gewesen, sie sollten Geistes- und Naturwissenschaften gleichmäßig umfassen, aber als Jonas zwei Jahre alt wurde, da galt es, sich mit eisernem Fleiß zu konzentrieren und abzuschließen, um Brot zu erwerben. Eine kleine Lehrstelle bot sich ihm, ganz aus der Welt, weit draußen im Meer, auf einer friesischen Insel. Klare-Bel freute sich im Grunde, daß ihre verrückte, glückliche Studentenehe in so stille, geordnete Verhältnisse mündete, aber für Erik that es ihr leid. Denn erstens war er sicherlich zu viel Größerem berufen, als zu diesem abhängigen Stillleben für Weib und Kind, und dann konnte sie ihn sich auch gar nicht anders vorstellen, als im ungeheuren Rahmen einer Weltstadt und im vollen Verkehr mit einer gebildeten, raffinierten Gesellschaft, die ihn fortriß, und die er fortriß. Wie sie ihn zuerst unter den einfachen Menschen des Volkes dastehen sah, kam er ihr vor wie ein verzauberter Prinz. Aber sie kannte ihn und zweifelte nicht: irgendwie werde er auch schon die Leute verzaubern, bis sie seinen prinzlichen Ansprüchen besser entsprächen.
Zu ihrer Verwunderung kam es jedoch ganz anders. Erik lehrte niemand seine Art, wohl aber nahm er die der Leute an. Bald sah man ihn ebenso oft im Schifferwams und in Lederhosen, wie in seiner frühern Kleidung. Seine Umgebung färbte so stark auf ihn ab, daß er geradezu echt in der Farbe erschien. Aber die Folge war, daß er seine Umgebung beherrschte. Er gab sich nicht, wie Bel gefürchtet, Grübeleien über seine weitausschauenden, ehrgeizigen Wünsche hin, vielleicht war er eine zu aktive Natur dazu.