Jonas stand vor dem Fenster auf der regenumsprühten Terrasse und blickte, über deren Brüstung gebeugt, in den verwüsteten Garten hinaus. Ein großer Ulmenast war quer über den Kiesweg gestürzt, die Obstblüte hatte den Aufruhr in der Natur mit dem Leben bezahlen müssen.

»Nun sind sie wahrhaftig davongeflogen, alle mit einemmal, die weißen Blüten,« rief Jonas bedauernd, »so wie Ruth es gesagt hat! wie leid wird es ihr thun. Sie fand sie so schön. Aber dort oben wird es schon wieder blau, Papa.«

»Gott sei Dank!« meinte Klare-Bel, »solche Aufregung und Verwirrung draußen ist schrecklich. Man wird förmlich mit hingerissen.«

»Ja, das ist nichts mehr für dich, meine Arme,« sagte Erik, »es gab aber Zeiten, wo du solche Gewitterstürme und dazu das Brüllen des Meeren aushalten mußtest, ohne daß ich bei dir war.«

»Das war auch entsetzlich, Erik, ganz entsetzlich war es,« versicherte sie zusammenschaudernd, »damals, als du mit den Leuten hinausfuhrst, wenn ein Schiff in Gefahr war. Und das eine Mal, weißt du, wo du ganz allein es warst, der den Niels und die andern dazu beredete. Denn die hatten ja auch Frau und Kind. Aber das hast du immer so gut gekonnt: die Leute bereden. ›Es wird gehen!‹ sagtest du ihnen, und da glaubten sie dir.«

»Du glaubtest mir ja auch, Bel, wenn du allein Zurückbleiben mußtest, und wenn es dir schien, als ginge das nicht.«

»Ja, Erik. Manchmal dachte ich, der Schreck würde mich töten. Aber dann sagtest du so zuversichtlich: ›Wenn ich nach Hause komme, naß und müde, Bel, dann muß ich da doch meine Frau finden und den kleinen Jungen, und beide vergnügt und gesund.‹ Nun, und da mußte es wohl so sein.«

Er schwieg. Vor seinem Blick stand eine Sturmnacht, in welcher er, aus wirklicher Lebensgefahr heimkehrend, seine Frau gefunden hatte, wie sie, das Kind neben sich, mitten in der kleinen Stube auf den Knieen lag und laut betete.

Einen Augenblick lang war er fast bestürzt auf der Schwelle stehen geblieben, denn noch nie hatte er sie beten sehen. Als sie heirateten, waren ihm unter ihren Sachen ein paar Andachtsbücher in die Hände gefallen, und wie sie ihn darin blättern sah, fragte sie ihn: »Glaubst du an das, was darin steht?« Er hatte mit ernsten Augen aufgeblickt und geantwortet: »Nein, Bel.« Seitdem war dieser Gegenstand nur noch ein einziges Mal, nach Jahren, im Gespräche wieder berührt worden, und da war es ihm mit innerem Staunen aufgegangen, daß seine Frau, ohne es auch nur selbst recht zu merken, ihren Glauben gar nicht mehr besaß. Auf seine Frage, wie denn das geschehen sei, hatte sie mit ihrem freundlichen Gleichmut verwundert erwidert: »Ja, Erik, wenn es doch gar nicht so ist, — was kann es dann noch nützen, daran zu glauben?«

Und als er nun in jener Sturmnacht in seinen hohen Schifferstiefeln und seinem nassen Wollwams hereintrat, da hörte sie auf zu beten und streckte ihm mit einem Freudenschrei beide Arme entgegen. Er hob sie von den Knieen auf und küßte sie. »Thust du das, Bel, wenn ich nicht bei dir bin?« fragte er sie leise.