Jonas sah sie etwas verdutzt an; es schien ihm jedoch eine Beschäftigung zu sein, die Respekt verlangte. So stand er seufzend auf und trollte sich ins Haus, denn er wußte nicht recht, wie er sich daran beteiligen könnte.
Ruth merkte nicht, daß er ging. Sie blieb mit emporgezogenen Knieen sitzen, die Arme auf die Kniee, und das runde Kinn auf die geballten Hände gestützt, wie auf zwei Säulen. So blickte sie angestrengt vor sich auf einen einzigen Fleck im Grase, wo eine weiße Gänseblume stand, und dachte mit Hingebung nach, gleich einem indischen Derwisch. Sie wußte ganz genau, wo sie stehen geblieben war, als Jonas kam und sie aufhören mußte.
Klare-Bel lag still und hatte die Augen geschlossen. Die Mittagssonne strahlte warm über den Bäumen, kein Lüftchen bewegte das duftende Laub. Ein paar gelbe Schmetterlinge flatterten naschend um die Frühlingsbeete, und zu Ruths Füßen zirpten die Heimchen laut und eifrig ihr Lied.
Ruth versank tiefer und tiefer in ihren Mittagssonnentraum. Wie in goldenen Lichtwellen wob er sich um die Gestalt, die Klare-Bels Erzählungen vor ihr heraufbeschworen hatten. Ein unklares Verlangen, halb Demut, halb Forderung, bemächtigte sich ihrer, diese Gestalt so lichtvoll, so schattenlos als möglich zu sehen, — in einem warmen Glanze, der sie unter allen andern Wesen hervorhob. Warum? das wußte Ruth nicht.
Aber das wußte sie: in diesem Licht sahen die wirklichen Menschen, die sie sonst kannte, noch viel störender und sinnloser aus als bisher, — fast als ob es nur lauter Leiber wären, in denen so gut wie nichts drinsteckte. Und die phantastischen Schattenbilder, die sie sich nach eingebildeten und fremden Menschen so schön entwarf, wie sie wollte, und wieder wegwischte, wann sie wollte, — die sahen viel schattenhafter aus als bisher, ordentlich dünn waren sie geworden, und so durchsichtig, daß man meinen konnte, es seien nur Irrwische von Gedanken.
Ruth durchwanderte ihre ganze Welt wie der Schöpfer am sechsten Tage, fand aber nur das Chaos wieder. Und mitten darin den einzigen, wenn er wollte, alles beseelenden Menschen, den zu gestalten Phantasie und Wirklichkeit zusammenschmolzen. Es war, als stände er ihr ganz allein gegenüber in dieser einsamen, phantastischen Welt ihrer Träume, — der erste Mensch am sechsten Schöpfungstage, unerkannt noch, und ein Wunder. Mit innerm Staunen stand sie still vor ihm, als müsse sie fragen. »Wer bist du? Wie kommst du hierher? Wie darfst du hier herrschen?« Er beschädigte ihre Gedanken so stark, er setzte sie so stark in Erstaunen, daß sie darüber sich selbst aus ihren Gedanken verlor und nur ihn anschaute. Es schien ihr notwendig, daß er etwas Besonderes, Merkwürdiges, ganz außer allem Vergleich Stehendes sei, wenn sie ihn da dulden sollte.
Und wieder erhob sich das unruhige Verlangen in ihr, Glanz auf Glanz, Licht auf Licht auf ihn zu häufen.
Nachdem Ruth lange Zeit stumm dagesessen hatte, richtete sie sich aus ihrer zusammengekauerten Stellung auf und ging langsam an die Gartenpforte. Die Arme über dem Zaun verschränkt, schaute sie die Straße hinab, die Erik entlang kommen mußte. Er kam bald. Sein erster Blick fiel auf ihr Gesicht und blieb aufmerksam und forschend darauf haften. Sie sah ziemlich blaß und schmal aus nach der Fiebernacht, aber der leidende Ausdruck von heute morgen war völlig aus ihren Kinderzügen verschwunden. Ein neuer Ausdruck, offen und verlangend, der Erik wohlgefiel, lag in ihren Augen.
Er nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie sprachen nicht miteinander, nur Ruths Hand schlich sich leise in die seine. Hand in Hand sah Klare-Bel sie auf sich zukommen.
»Wie lange hast du heute in der argen Sonne auf mich warten müssen, meine Arme!« sagte er zu seiner Frau, »nun sollst du auch keinen Augenblick länger daliegen.«