Damit schob er ihren Stuhl in die Nähe der Terrasse, hob sie heraus und nahm die kleingewachsene Gestalt so behutsam in die Arme, wie man ein Kind an der Brust bettet.

»Du allzuleichte Last!« scherzte er und sah heiter und belebt aus.

Klare-Bel lachte vor lauter Vergnügen und hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen.

Ruth griff nach einem herabgeglittenen Kissen und folgte ihnen die Stufen hinauf. Am liebsten hätte sie ihnen den ganzen Stuhl nebst Zubehör nachgetragen, um dasselbe zu thun, was Erik that. Das Mitleid, das sie während Klare-Bels Erzählungen mit ihm empfunden hatte, war in nichts verflogen, — und an dessen Stelle blieb die Bewunderung stehen. Es kam ihr jetzt ganz natürlich vor, daß die kranke Frau sich nicht als Last und Hindernis auf dem Wege des gesunden Mannes fühlte, sondern daß sie lachte und ihre Hände um seinen Nacken schlang.

Als Ruth ihren Platz bei Tisch einnahm, vergaß sie ganz, daß es heute zum erstenmal geschah, und daß sie erst gestern hatte weglaufen wollen. Sie fühlte sich als ein längst hierher gehöriger Hausgenosse, — zufrieden und ohne weiteres eingereiht unter die übrigen.

»Von deinem Onkel bring' ich dir was mit,« sagte Erik, der sie zu Mittag neben sich gesetzt hatte, »nämlich die Erlaubnis, so lange hier zu bleiben, als du willst. Ich denke, wir antworten ihn vorläufig: den ganzen Sommer. Was meinst du?«

Sie nickte nur und sah glücklich aus. Wenn er aber nicht unablässig auf sie geachtet und ihr selbst vorgelegt hätte, so würde sie lieber keinen Bissen gegessen haben.

Als sie beim Kaffee waren, und die Kinder hinausliefen, blickte Erik seine Frau an und fragte: »Und nun, Bel, wie gefällt sie dir?«

»O Erik! mir gefällt sie gut für dich! Denn sie hat etwas so Unverständliches, finde ich. Das ist gerade was für dich. Was zum Raten.«

»Sie ist ein scheuer Vogel,« sagte er mit einem Lächeln, »und es ist noch nicht gewiß, ob ich sie eingefangen habe. Eine falsche Bewegung, — und sie fliegt mir fort.«