»Ja, Erik, das denke ich mir nun wieder ungeheuer angreifend. Es macht doch unsicher. Förmlich schwindlich würde es mich machen. Wie ein konfuses Stickmuster.«
»Unsicher? Nein, Bel, im Gegenteil. Man wird sich wieder dessen bewußt, was man vermag — ob man's vermag. Man sammelt die Kraft, — die vergessene, eingerostete. Und so kommt man endlich wieder zur großen Sicherheit des Lebens und zum alten Glauben an sich selbst.«
»Ja, ja, Erik. Wenn nur alles gut geht.«
Er stand auf und legte herzlich seinen Arm um ihre Schultern: »Sorgenmütterchen! nur ein einziges Mal: laß die Sorgen, die grauen! Mir ist froh. Du sollst es noch sehen: an dem Mädel wächst mir mein Meisterstück!«
Sie seufzte und gab ihm im stillen ganz recht. Daß er Ruth zu sich nahm, das war ungefähr so, wie wenn ein Gelehrter eine recht unentzifferbare Handschrift irgendwo ausgräbt, — meinte sie; an der liest er dann lieber und eifriger herum als am bestgeschriebenen Buch. Es war nun einmal nicht anders: darin steckte sein Talent und sein Beruf.
Erik ging fort; er wollte noch nach dem Bahnhof, um zu veranlassen, daß Ruths Gepäckstücke durch einen Bauernwagen herübergeschafft würden; der Onkel hatte sie bereits herausgeschickt.
Klare-Bel lag und dachte nach. Sie zwang sich dazu, an die Zeit zu denken, die sie sonst immer in ihrer Erinnerung zurückschob. Es war doch schön, daß Erik wieder so froh sein konnte und so voll von sanguinischen Hoffnungen. Das war doch besser und natürlicher für ihn, als diese langen, langen Leidensjahre, in denen nur der eine Gedanke ihn erfüllte: wie seine Frau wieder gesund zu machen sei.
Ein einziger jahrelanger Kampf, — ein schmerzensreicher, gräßlicher.
Namenloses hatte Klare-Bel aushalten müssen um seiner Hoffnungszähigkeit willen, die nicht nachließ, nichts unversucht ließ, die noch ans Unmögliche anrannte, und mit unermüdlichem Trotz den alten Kampf immer wieder aufnahm. Es war nicht leicht, denn wegen einer geringen Herzschwäche durfte bei Klare-Bel die Narkose nicht angewendet werden. Aber immer wieder wußte er sie zu neuem Wagnis, neuer Qual zu überreden und mit seinem unbegrenzten Einfluß zu zwingen. Er war in diesem Kampfe zum Arzt geworden; was er früher aus Lust und natürlicher Begabung nebenher betrieben, wurde ihm Beruf. Seine ganze, ungeteilte Kraft warf er hinein: er wollte es nicht glauben, nicht dulden, daß ein einziger blöder und blinder Zufall auf Lebenszeit das Glück verschütten könne.
Und nun, da er's glauben und dulden mußte, war es doch hart, alles das umsonst geopfert zu haben, woran noch seine Hoffnungen gehangen hatten. Und wenn Ruth ihm nur eine davon zurückgab, wollte Klare-Bel sie lieben. Es war ja nicht mehr als eine kleine, späte und unscheinbare Blume für einen ganzen Strauß, den das Leben ihm schuldig geblieben.