Ruth saß auf dem schmalen Fensterbrett, zu dessen Seiten schon kleine weiße Gardinen niederhingen; die Leiter lehnte noch daneben. Ein leichter Wind bewegte die Zweige der großen alten Ulme vor der Terrasse, so daß sie am Fenster auf und nieder schwankten und fast Ruths Gesicht berührten. Man sah von hier oben nur in die Wipfel der Bäume, und das, fand Ruth, sah lustig aus: wie ein grünes rauschendes Gewoge, von dem man sich einbilden konnte, es schwebe in der Luft, ohne Stamm und Wurzel. Wie viele Vögel mochten im Sommer darin nisten! Und unter dem vorspringenden Dach, gleich über dem Fenster, klebten zwei vorjährige Schwalbennester.
Als Erik auf die Schwelle trat und die Einrichtung des Zimmers bemerkte, fing er an zu lachen.
»Es ist wahrhaftig ein richtiger Karzer, wie gemacht für böse Kinder, die eine Strafe abbüßen sollen,« sagte er und blieb im Rahmen der Thür stehen, »oder für Durchgänger, die man mit Gewalt einsperren muß. Meinst du nicht, Ruth?«
»Nein. Es ist sehr schön!« versetzte sie mit Nachdruck und nahm es fast übel, daß er ihre Wohnung verspotten konnte; »es ist nur noch nicht fertig, und das ist das schönste. Wenn ich drin bin, wird es von selbst fertig. Es ist sehr schön. Ganz so, wie ich es haben will.«
»Das ist freilich die Hauptsache, meine kleine Königin,« gab er lächelnd zu und kam zu ihr ans Fenster; »als wir zuerst aus dem Auslande angereist kamen, da sahen die Stuben in unsrer Stadtwohnung auch nicht viel besser aus. Und es gefiel mir auch ganz gut. Man konnte so ganz von vorn und nach eigenem Ermessen anfangen.«
Sie wandte sich halb nach ihm um und sah ihn mit Interesse an.
»Ach ja!« sagte sie, »aber außerdem muß es doch schrecklich schwer gewesen sein, — da von der kleinen Insel weg — und hierher; weg vom Meer und von all den vielen Leuten?«
Er hatte seine Hände auf ihre schmächtigen Schultern gelegt und zwang sie mit sanftem Druck nach dem Rücken zu, denn es machte ihm heimlich Sorge, daß sie sich so gern vornüberneigten.
»Warum schwer?« fragte er dabei mit seiner ruhigen Stimme, »hier gibt es ja auch Buben und Mädchen genug zu unterrichten, — schlimme kleine Mädchen mit ganz schlimmen Aufsätzen, wie du weißt.«
»Ach, — die!« sagte sie im Tone tiefer Verachtung und zuckte mit den Achseln, »die sind's nicht wert.«