Erik antwortete nicht gleich. Seine Hand hob sich und strich sanft hin über ihr loses weiches Haar, und als Ruth aufblicken wollte, da glitt die Hand tiefer und legte sich leise über die fragenden Augen. Er schaute über sie weg, hinein in die grünen rauschenden Baumwipfel, und kämpfte eine Erregung nieder. Ihm war seltsam zu Mute. Er wußte, daß das, was Ruth empfand, nicht von seiner Frau kam; weder die leidenschaftliche Auffassung, noch die phantastische Unklarheit des Bedauerten war seiner Frau möglich. Noch nie, seit er sich verheiratet, hatte er zu einem Menschen, hatte ein Mensch zu ihm von den Enttäuschungen seines Lebens gesprochen. Und da stand sie nun, die ihn seit vier Tagen kannte, in Zorn und Gram und Thränen und härmte sich um diese Enttäuschungen, als seien es ihre eigenen.

Als mehrere Minuten in Schweigen verstrichen, bückte Ruth den Kopf tiefer, und ihre Hand sank von seiner Uhrkette.

»Ich will es gewiß nie wieder sagen!« sagte sie leise, abbittend.

Er griff heftig nach ihrer Hand und preßte sie in der seinen zusammen.

»Du sollst mir immer alles sagen, alles, was dich beschäftigt,« versetzte er ruhig, aber seine Stimme klang verändert und gedämpft, »niemals sollst du Gedanken, die dich aufregen, vor mir verbergen, — und nun gar Kümmernisse, mein Kind, — solche kindischen und phantastischen Kümmernisse.«

Dann lehnte er sich gegen das Fensterbrett, vom Licht abgekehrt, das Gesicht im Schatten.

»Ich will dir eine Geschichte erzählen, Ruth; soll ich?«

Sie nickte gehorsam, ohne den gesenkten Kopf zu heben; man konnte sehen, daß ihr an dieser Geschichte nicht allzuviel lag, und daß sie sich als Kind behandelt fühlte.

»Es war einmal ein Mann,« begann er, »den gelüstete es sehr, ein großes, weites Feld zu bebauen, — ein Feld, wohl so groß wie ein Meer. Denn er wußte, der Boden war gut, und nur der Arbeiter gab es noch wenige, — viel zu wenige. Aber es kam anders, als er es sich gewünscht hatte, und an dem großen Felde durfte er so gut wie gar nicht mitarbeiten. Nur ganz fern, in einem äußersten Winkel desselben, wies man ihm ein kleines Stückchen Erde an, wo er Kohl pflanzen konnte und Kartoffeln. Nur eben genug, um zu leben.«

Sie hatte längst die Augen mit aufblitzendem Verständnis zu ihm aufgeschlagen. Groß, ungeduldig hingen sie an seinen Lippen. Ihre ganze Seele war in diesen Augen.