»Und da —?« fragte sie atemlos.

»Und da,« fuhr er fort, »fand er eines Tages unter seinen Kohl- und Kartoffelstauden eine fremdartige kleine Pflanze. Von irgendwoher mochte ihr Samenkörnchen in diesen Boden gefallen sein. Es war nur ein unscheinbarer, zarter Trieb, dem man noch nicht ansehen konnte, was darin steckte. Aber vielleicht konnte er sich einmal zum Bäumchen auswachsen. Und wenn das gelang, — wenn ein guter Gärtner an diesem Bäumchen unablässig seine Dienste that, und wenn das Bäumchen sich willig behandeln und biegen, pfropfen und beschneiden ließ, — dann, — ja, dann konnte es am Ende seltnere Früchte tragen, als irgend etwas, was sonst auf dem Feldwinkel wuchs.«

»Bin ich das Bäumchen?« fragte sie naiv und glitt leise vom Fensterbrett.

Er antwortete nicht, aber er zog sie näher an sich, so daß ihr Haar seine Schultern berührte. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der kein Lächeln war und kein Ernst, und doch wie ein gesteigerter Abglanz von beiden, der einer Ekstase glich. Er erinnerte Erik plötzlich an jenen Aufsatz mit der Ueberschrift: »Seligkeit!« Zum erstenmal erinnerte ihn dieses schmale Kindergesicht mit den beredten Augen und den geschweiften Lippen an die Verse im Schulheft.

»Möchtest du ein solches Bäumchen für den Gärtner werden, Ruth?« fragte er sie mit gesenkter Stimme.

Sie atmete tief auf.

»Noch lieber möchte ich der Gärtner werden,« sagte sie unerwartet, »aber es ist vielleicht fast dasselbe.«

III.

Jeden Morgen, ganz früh, noch ehe das Haus wach wurde, fanden Erik und Ruth sich im Studierzimmer zusammen. Sie standen beide ein paar Stunden zeitiger auf als sonst, um es zu können, und jeden Morgen nahm er mit ihr ihre Arbeit für den Tag durch, der er sie dann allein überließ.

Es war immer dasselbe Bild: Ruth war immer schon da, und stand, ihn erwartend, ins offene Fenster gelehnt. Sie horchte auf die kleinen Buchfinken draußen und zugleich, ob sein Schritt nicht über den Flur käme. Gewöhnlich sah sie ein bißchen blaß und bange aus, denn so übermütig froh sie auch tagsüber vor Erik sein konnte, — als Lehrer fürchtete sie ihn. Und auch jetzt noch, wenn sie seinen Schritt im Flur vernahm, überfiel sie, wie am allerersten Abend, das Herzklopfen und die alte Schüchternheit.