Eine Stunde später fuhr Ruth aber dennoch mit ihm und Erik zur Stadt.
Die Mädchen in der Schule warteten schon lange auf ihren Besuch. Es interessierte sie außerordentlich, daß Ruth jetzt bei Erik im Hause lebte, und in jeder Stunde erkundigten sie sich nach ihr bei Erik. Sie fanden, alles sei plötzlich so nüchtern geworden. Nur eine kleine Partei, freilich die beste, vermißte Ruth nicht. Das waren die Musterschülerinnen, die sich jetzt vor ihren Ausgelassenheiten sicher fühlten und durch keine argen Einfälle mehr in Versuchung geführt wurden. Aber die Stimmung blieb flau, und als es nun, so kurz vor den Ferien, zu regnen anfing, da verdüsterten sich die Gesichter auch der Fleißigsten.
So gab es doch eine gewaltige Freude, als heute, in der Freistunde, Ruth wieder auf dem Schulhof erschien, mit einem großen Regenschirm, unter dem ihr Gesicht vergnügt hervorschaute. Alle umringten sie, und der Lärm wurde so schlimm, daß im Hinterhause die Leute aus den Fenstern herabschauten, um zu sehen, was es gäbe, und warum die Schulvögel noch lauter zwitscherten als sonst.
Ruth war von ihnen die einzige Stille. Als sie so mitten unter ihnen stand, von allen bedrängt, da kam es ihr vor, wie wenn sie aus einer Weltferne zu ihnen zurückgekehrt sei, und sie wurde fast schüchtern. All das Viele, was sie zu erzählen hatte, all das Viele, worauf jene begierig waren, schmolz zu einem bloßen Blick und Lächeln zusammen, und es blieb nichts, als auf ihrem Gesicht der Ausdruck von Kinderglück, der an ihrer Statt erzählte.
Die Schülerinnen schoben sich an der Hauswand aneinander, wo das überragende Dach sie vor dem schwachen Sommerregen schützte, und wie damals, als Erik aus dem Klassenfenster auf sie niederblickte, fand Ruth ihren Platz wieder auf dem umgestülpten Wasserfaß.
Sie erschien den Mädchen verändert, ohne daß diese sagen konnten, wodurch. Denn wie ein Junge im Blusenkittel sah sie noch immer unter ihnen aus, und einen Zopf hatte sie ja auch noch nicht bekommen. Daß sie nicht sprach, entging ihnen vollständig; der in ihnen selbst aufgespeicherte Mitteilungsstoff brannte auf den Zungen, und, anstatt dessen, was sie von ihr erfahren wollten, erfuhr Ruth binnen weniger Minuten das Schicksal einer jeden einzelnen, von damals bis heute, nebst dem ganzen Gang der »öffentlichen« Angelegenheiten.
Das größte Ereignis stellten sie ihr in Person vor. Das war eine Braut. Eine wirkliche Braut aus ihrer Klasse. Ein großes, blondes Mädchen von frauenhafter Gestalt, mit ruhigen, freundlichen Gesichtszügen. Als Legitimation wurde ihr ein Ring von der linken Hand gestreift und seine Inschrift triumphierend vorgezeigt, — der glatte goldene Traureif fiel Ruth in den Schoß.
Die Braut wehrte sich nur schwach dagegen, so als Gemeingut behandelt zu werden. Sie war begreiflicherweise mit ihren Gedanken längst aus der Schule heraus und fühlte sich mit deren Insassen nur noch durch das unendliche Interesse verbunden, welches ihr, ihrem Liebsten, und ihrem Glück wahrhaft glühend entgegengetragen wurde. Denn mit ihr betrachtete sich sozusagen die ganze Klasse als mitverlobt und an den Mann gebracht.
»Er ist dunkelhaarig!« erklärte das kleine blonde Gretchen, die besonders zärtlich an Ruth hing, »ach, Ruth, ein solcher, wirklicher Bräutigam bleibt doch das Allerhöchste. Denke dir nur, was man als Braut alles zu erzählen hat! Wenn wir so zusammensitzen, und sie spricht von ihm und dem Leben und der Ehe und der Zukunft, dann meint man, daß man in einer Stunde mehr erfährt als in all den Schuljahren mit ihrem Kram.«
»Wieso?« sagte Ruth, »sie weiß ja selbst noch nichts davon.«