Gretchen schwieg etwas betroffen.
»Nun, du bist auch nicht wenig prosaisch geworden!« fiel eine andre ein und lachte, »sie lieben sich ja doch! Findest du denn das nicht wunderschön?«
»Doch!« sagte Ruth und betrachtete nachdenklich den schmalen Goldreif in ihrer Hand; »vielleicht ist es wunderschön.« Dann gab sie ihn der Braut mit einem vollen Blick zurück und fügte hinzu: »Aber das Wunderschöne daran läßt sich ja doch nicht erzählen. Nicht wahr?«
Die Angeredete errötete etwas und sah Ruth erfreut an. Sie fühlte sich zum erstenmal zu dem beglückwünscht, was sie ganz für sich allein besaß, als Braut, — was sie mit den andern nicht gemein haben konnte. »Es wäre eigentlich schöner gewesen, nicht so viel und so ausführlich mit allen darüber zu sprechen,« dachte sie plötzlich, mit Scham und Stolz. Und während sie den Ring überstreifte und Ruth anblickte, konnte sie dem Gedanken nicht wehren: »Diese hier ist gewiß die nächste Braut.«
»Ja, Ruth, du hast recht: zum Erleben mag es schmecken, zum Erzählen ist es fade!« rief die hübsche dunkle Wjera dazwischen, die schon immer zu den Kecken gehört hatte und sich jetzt aus allen Kräften gegen das Uebergewicht der »Brautschaft« in der Klasse sträubte, »was hattest du immer für herrliche Geschichten und Abenteuer für uns auf Lager! Und jetzt: der reine Hausfrauenzettel! Ich bin die einzige, die noch dem ›Edlen, Unglücklichen‹ nachsteigt.«
»Ist der noch da?« fragte Ruth.
»Ja, stell dir nur vor,« klatschte eine an Ruths Ohr, »sie macht förmliche Straßenbekanntschaften. Es hat schon einen Verweis gegeben.«
»Laß dir nichts in die Ohren blasen, Ruth,« unterbrach die Geschmähte sie, »es ist ja alles deine Schuld und dein Vermächtnis! Warum bist du auch fortgeblieben mit deinen schönen Freistundengeschichten?«
Ruth hatte ihren Kopf gegen die Hausmauer gelehnt und sah schweigend in den verregneten Hof. Gerade vor ihr erhob sich ein hoher Schornstein, dessen Rauchsäulen jahraus, jahrein die Mauern schwärzten und ihren Ruß auf den Schulhof niederstäubten. Gegenüber sperrte die mächtige gelbe Wand des Hinterhauses jede Aussicht ab. Die Luft war schwül; sie hatte es draußen im blühenden Juni gar nicht bemerkt.
»Wie ein Gefängnis!« dachte Ruth und sagte laut: »Das mit den Geschichten war ja nur ein Notbehelf. Phantastereien.«