»Nie!« behauptete Ruth, und es blitzte über ihr Gesicht, als ihr beiläufig einfiel, daß ihre Augen seit gestern noch nicht trocken geworden waren.

Die dünnstimmige Klassenglocke fing an zu bimmeln, und die Mädchen verließen den Platz am Brunnen.

»Du könntest Herrn Matthieux ja mal für uns fragen,« meinte die hübsche Wjera, »das kostet nichts.«

»Warum?« entgegnete Ruth; »es ist eure Sache. Laßt es euch nur was kosten.«

In aufgeregtem Meinungsaustausch drängten sie dem Hause zu. Darüber blieb es unbeachtet, daß Ruth ihnen nicht folgte. Ueber der Spannung, die sie hervorgerufen, war sie selbst vergessen worden. Als die Mädchen sich dann nach ihr umsahen, um einen gemeinsamen Heimweg zu verabreden, war Ruth verschwunden. Das letzte, was sie noch von ihr vernahmen, war ein Gelächter.

Erik brauchte an diesem Vormittag nicht ganz so viele Stunden zu geben wie sonst, denn mehrere Privatschulen hatten schon Ferien gemacht. So kam er bereits früh in seine Stadtwohnung hinauf, wo Ruth ihn erwarten sollte. Noch war nichts von ihr zu erblicken. Erik erledigte, was es hier noch zu thun gab, und kleidete sich um, froh, der heißen Uniform zu entrinnen. Als Ruth sich dann immer noch nicht melden wollte, öffnete er etwas beunruhigt die Thür zum Wohnzimmer und schaute hinein.

Da lag sie und schlief.

Sie hatte ihre kleinen Schuhe ausgezogen und unter einen Stuhl gestellt. Dann hatte sie sich, mit emporgezogenen Füßen, auf dem weißen Leinwandbezug des Sofas zusammengekauert. Den Kopf gegen das Seitenpolster gedrückt, schlummerte sie, mit ernstem Gesicht und schlafgeröteten Wangen, fest und eifrig, wie ein Kind.

Die Müdigkeit mußte sie beim Warten überfallen haben.

Aus dem grauen Regenhimmel stahlen sich durch die niedergelassenen Fenstervorhänge einzelne Strahlenbündel, in denen der Staub in breiten Wellen flimmerte und zitterte, und huschten über Ruths Gesicht. Ein leises Lächeln glitt mit den Sonnenstrahlen über dasselbe hin und blieb auf den Lippen stehen, wie im Traum. Dann, als die Sonne zudringlicher wurde, zog sie ein paarmal Stirn und Nase kraus, und endlich mußte sie heftig niesen.