»Ich war an verschiedenen Orten,« sagte Ruth, »aber erzogen bin ich noch nicht.«

Man wußte nicht, war es bescheiden oder übermütig gemeint?

»Wenn die nicht durchtrieben ist!« dachte Warwara bei sich und musterte sie schärfer.

Bald trat Erik dazu, eine heitere Unterhaltung in Gang bringend. Warwara erzählte vom Rückgang einer Verlobung, deren Anzeige erst kürzlich auch hier eingelaufen war. Ein sensationeller Rückgang, denn die Braut hatte sich während der kurzen Verlobungszeit ganz eilig in einen andern verliebt.

Erik, der es nicht über sich vermochte, die humoristische Seite dieser Sachlage unbeachtet zu lassen, lachte laut.

Warwara sah sich nach Ruth um. Diese war hinausgegangen.

»Zufällig? oder ein Kunstgriff, um bei diesem Gespräch nicht hinausgeschickt zu werden?« fragte sie sich, »oder ist sie wirklich so kindlich, daß sie das gar nicht interessiert?«

Nachdem Erik über den betrübten Mienen der beiden Frauen wieder ernst geworden war, sagte er: »Ja, die armen Frauen! Wenn sie sich binden, haben sie allen Grund zu beten: Lieber Gott, hilf, daß ich eine gute Frau werde. Denn ihr einziger Schutz gegen sich selbst liegt in der That im rein gefühlsmäßigen Fortdauern ihrer Liebe, — in der eigentlichen Gefühlstreue. Sie können natürlich auch aus Pflichtstrenge festhalten, aber das ist dann ein verkümmertes Leben.«

»Sie meinen, der Mann bedarf eines solchen Gebetes nicht,« bemerkte Warwara, ohne ihre Ironie zu verbergen.

Er sah sie ganz unbefangen an. »Nein,« sagte er; »ich glaube, der Mann ist in diesem Punkt, wie in so vielen andern auch, durch seine Natur besser geschützt. Nicht gegen die Untreue der Sinne. Nicht gegen den Wechsel des Liebesgefühls. Aber gegen das bewußte innere Loslassen desjenigen Wesens, an das er sich gebunden, — nein: das er an sich gebunden hat. Das ist's!«