Da ging ihm ein altes Märchen tröstend durch den Sinn, von einer Schlange mit einem Goldkrönlein auf dem Kopf; wer die totschlug, dem verwandelte sie sich in eine liebreizende Prinzessin. Er wußte nicht mehr, ob es sich genau so verhielt, aber es gefiel ihm. Und seine Prinzessin saß und wartete gewiß schon darauf.
Nachdem Jonas den Mord vollbracht hatte, wandte er sich mit rotem Gesicht ins Haus. Es war ein ganz ungeheures Opfer, fand er, was sie da beide Ruth gebracht hatten, er und die Ringelnatter. Denn die Schlange blieb nun tot, und er hatte sich über sie fast ebenso gefreut, wie über ein Reitpferd.
Und nun sprach Ruth bei Tisch immer von den albernen Schulmädchen, die er nicht leiden konnte. Es ärgerte ihn, daß sie heute in die Freistunde gelaufen war, denn bisher besaß sie an ihm ihren einzigen Spielgefährten, und in diesem Punkte verstand Jonas keinen Spaß.
Noch saßen sie beim Mittag, als ein Eilbote kam und ein Telegramm für Erik überbrachte.
Erik erbrach es und überflog den Inhalt, dann schob er seinen Teller zurück und trat mit dem Papier ans Fenster. Man sah ihm an, daß es eine freudige und ihn bewegende Nachricht war, die er erhalten.
»Fast ein ganzer Brief! An der Grenze aufgegeben,« sagte er; »denke dir, Bel, mein alter Freund Bernhard Römer ist hierher unterwegs. Siebzehn Jahre haben wir uns nicht gesehen. Oder noch länger? Damals waren wir beide noch Studenten! Erinnerst du dich seiner?«
»O ja, Erik! Wie sollte ich den vergessen! Denn mit ihm war es ja, daß du immer noch so große Zukunftspläne machtest. Ihr wolltet alles am liebsten auf den Kopf stellen. Ja, so jung wart ihr damals. Was ist Römer denn eigentlich geworden?«
»Er ist Professor der Medizin an der Heidelberger Universität. Schrieb mir noch manchmal in frühern Jahren.«
Ruth hatte aufgehört zu essen und sah mit großen Augen zu Erik hinüber. Bei dem Wechsel in seinem Mienenspiel und bei Klare-Bels Worten war es Ruth, als stiege plötzlich eine ganze, fremde und ferne Vergangenheit zwischen ihnen auf. Eine Vergangenheit, bei der sie nicht zugegen gewesen war. Ueberhaupt noch nicht auf der Welt! Es schien ihr ganz unmöglich.
»Wird er hier herauskommen?« fragte sie leise.