Im Herbst dieses Jahres wünschte Elisa nach so langer Zeit endlich einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte, sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach Hamburg, wo er Karl Gutzkow und Ludolf Wienbarg aufzusuchen wünschte, und nach Bremen beabsichtigte, so ließ sich die Reise theilweise gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, während Elisa bei ihren Verwandten verweilte.

Auf der Durchreise durch Münster erwartete Elisen der alte, würdige Möller mit der feurigen Sehnsucht eines Jünglings. Wo sie erschien, bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder jung vor Freude über ihre Gegenwart; in Hamburg begrüßte sie nach so langer Trennung mit gerührtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die nun Zweiundachtzigjährige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das »holdselige Angesicht« ihrer Elisa vor ihrem Ende noch einmal zu sehen. Wie wohlthuend und beglückend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin wirkte, mögen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31. October 1838 andeuten: »Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, für Deine mich beruhigenden, liebevollen Zeilen, so wie für Deine wohlthuende Nähe, deren ich mich länger und öfterer, als ich zu hoffen mir getraute, während Deines Aufenthalts in Hamburg erfreute. Möge die uns zu Liebe gemachte Reise in ihren Folgen sich eben so beglückend Dir erweisen! In Gedanken blicke ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Züge ich mit schwärmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslöschbar festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, daß ich Dich liebenswürdiger, meinem Herzen näher als je, wiederfand. – Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schöneres Dasein wieder geworden So überwiegt ein Stündchen traulicher, mündlicher Mittheilung den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht unheiliger, über die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf ich Dir ferner nicht verhehlen, daß Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth wieder in mir angefacht. Wem hätte es je einfallen können, daß das vormals ihre Erzieherin so muthwillig umhüpfende Elischen einst derselben eine so wirksame Arznei reichen würde! – Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl, und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Händen zu wissen. Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem gefälligen Immermann bitte ich seinen Gruß freundlichst zu erwiedern, und für sein gütiges Anerbieten zu danken. Welch ein Genuß, könnte ich seinen Vorlesungen und seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! – Das Sträuschen, das Du mir scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurück, es wird mir immer zur Seite bleiben. – Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie bisher mit Liebe, überzeugt, daß Du keinem Wesen theurer sein kannst als mir, die Dich im Herzen trägt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne Philipi.« –

Wer läse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wünsche in einem Augenblick, wo das Verhängnis schon das Gegentheil beschlossen hatte! –

Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf. Das Familienfest bei seinem Bruder Ferdinand versetzte alles in frohe Stimmung. Ein junges, achtzehnjähriges Mädchen, dessen Vormund Ferdinand Immermann war, Marianne Niemeyer, aus Halle, befand sich dort im Hause. Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch interessirte er sich für sie, und beschäftigte sich mit ihr; doch konnte es zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.

Als er wieder mit Elisen zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die Rückreise nach Düsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag, ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener Heftigkeit, die Elisa nicht zu deuten wußte; sie blieb wie immer bei ihrer Weigerung.

Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mädchen pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst kein Geheimniß vor Elisen hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast und Ueberstürzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.

Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, äußerte seine entschiedene Mißbilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und machte seinem Bruder die heftigsten Vorwürfe, den er durchaus als gebunden ansah. Die Großmutter Mariannens, die alte Kanzlerin Niemeyer in Halle, betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu stiften, und behauptete, sie sähe durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer Enkelin nicht seine Hand anbieten könne, da er ja nicht verheirathet sei. Es war ihr leicht, es durch ihren Einfluß dahin zu bringen, daß Immermann in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab sogleich ihr Jawort.

Das alles geschah so plötzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick alle Blüthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht Elisen zu gestehen, was er gethan; sein böses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten! Bald wußten mehrere Personen in dem Düsseldorfer Kreise darum, nur Elisa nicht! –

Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen gerichtet hatte. Elisa blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: »Ich glaube diejenige, an welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen!« – Immermann läugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig vorausgefühlt! –

Es waren beklommene, unheilverkündende Tage; Immermann fühlte sich nicht mehr frei und unbefangen Elisen gegenüber, wie sonst; er konnte ihr nicht mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. Elisa konnte es sich nicht mehr verbergen, daß sich das Betragen des Freundes gegen sie verändert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag? – Sie litt in der Stille, und litt unendlich. –