Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefühle. Diese, die ihre Freunde nie im Stiche ließ, wo es galt, schrieb sogleich aus Berlin, den 18. Dezember 1838: »In dieser Minute habe ich Deinen Brief erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir, zu mir, Du geliebte Elisa! Für's erste würde Dir die Stille hier auch wohlthun, und weitere Pläne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen. Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn hieher, und nirgends anders gehe zuerst. – Und wenn innige, herzliche Freundschaft Trost gewährt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr als ein anderes Dir nachfühlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine Johanna.« –
Es ist schwer zu glauben, daß ein Verhältniß zerstört sei, das für das Leben dauern sollte, daß nach so vielen Jahren einer poetischen, beglückenden Freundschaft ein solches Ende folgen könne. Elisa duldete weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24. Januar 1839 wieder, wie folgt: »Wärest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde auf's neue verletzt werden mußt. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich getäuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fühlen, was unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir für immer uns verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir dürfen ihrer freudig gedenken. Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung, aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank lohnen können, die verbittern nicht bloß die Gegenwart, auch der schönen Vergangenheit können wir nicht gedenken, ohne daß uns wie eine dunkle Wolke die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und Nacht beschäftigt Dein Schicksal mich, ich fühle Dir alles nach, weil Dein Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu müssen, keines Menschen Trost fand bei mir Gehör.« – Mit ihrer großartigen Freundschaft stellte sich Johanna Elisen vollständig zur Verfügung; diese sollte bestimmen, ob sie kommen, und Elisen mit sich führen, ob sie zusammen reisen, wie und wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schöne Gegenden solle Elisen zerstreuen und ihren Kummer heilen.
Diese zögerte noch immer, einen Entschluß zu fassen; sie ahnte, daß etwas Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: daß er verlobt sei. Das konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemüth hielt es für nicht möglich, daß er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr verheimlichen könne.
Die Gewißheit ließ nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief, der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens. Nach zwölf Jahren, die sie dem Glücke des Freundes ausschließlich gewidmet hatte, nach zwölf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles zu Ende! – Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getäuscht! Und der einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den Sieg davonzutragen über eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so schönem Herzen, von so bezaubernder Liebenswürdigkeit wie Elisa! – Sie, die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, für ein fremdes junges Mädchen, das er nur einige Male erblickt hatte! –
Wie Elisa in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind gesehen, das dort fröhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So war diejenige, die Elisens Freundschaftsverhältniß zu Immermann stören sollte, schon beim Beginne desselben gegenwärtig gewesen. Seltsame Fügung! –
Diesem tragischen Geschick gegenüber, fühlte Elisa unwiderleglich in ihrem Herzen, daß es nur einen Ausweg für sie gebe: fortzugehen auf immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwürfe, die er sich machen mußte, mit der Hoffnung zu besänftigen gesucht, sie werde sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin könne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies Elisa solch einen Vorschlag zurück, den anzunehmen unter ihrer Würde gewesen wäre. Immermann war bestürzt, außer sich, als er vernahm, daß er sie verlieren sollte! –
Sie schwieg, außer gegen Johannen, gegen alle Welt über das, was vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen Freunden, vertraute ihnen, Elisa zürne ihm, und bat um ihre begütigende Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhältnisse kann kein Dritter sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und Elisen bestürmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natürlich nichts ausrichten; vergeblich wollten sie es so schön finden, wenn Elisa die mütterliche Freundin der jungen Gattin würde. – Immermann erwartete damals von Düsseldorf versetzt zu werden, Elisa, meinten sie, solle dann das junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. – Elisa empfand aber tief das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen; sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen können, warum Elisa ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefühl zu begreifen lehrt! Auch ein Theil von Elisens Familie war unzufrieden mit ihrem Entschluß. Sie ließ sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man möge nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr früher mehrmals seine Hand angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fände sie in der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekränkt. – So übte sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung für ihn. –
Die Einzige, die Elisen ganz verstand, und begriff, daß hier eine Trennung nöthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den 8. April 1839: »Geliebte Elisa! Schon lange weiß ich nichts von Dir, und erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Täglich suche ich in der Zeitung nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist, bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken, wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles verschiebst, wenn auch das frühere Leben darin geendet hat. Daß Immermann wünscht, Du zögest nach seinem künftigen Wohnort, finde ich natürlich – aber ob Dir's heilsam wäre, wage ich nicht zu glauben, Du würdest fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. – Deine Wunde ist nicht mit Rosenwasser zu heilen, da gehört ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf Genesung rechnen kannst. – Sage mir sehr bald, wie Du Dich fühlst, und was Du beschließest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, daß ich Dir dienlich wäre. Ich glaube fest, es würde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als jetzt – weil unser Band von Herz zu Herzen geht. – An die Verhältnisse in Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch möcht' ich näheres darüber hören. – Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste Elisa, und mir erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.« –
Elisa verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem Süden, auf welcher der letzteren junger Freund, Philipp Kaufmann, der Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und beschützen sollte.
Während dies sich vorbereitete, lebten Elisa und Immermann zusammen weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Stürmen der Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie innerlich fühlten, läßt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt hätte, er würde sich nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spät; er glaubte sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien Johanna wie eine hülfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie umschlang voll Zärtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfühlendes Herz schlug an dem tieftrauernden Elisa's.