Den 14. August 1839 verließ Elisa in Gesellschaft Johannens ihren heitern, ländlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen Bäumen, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Köln; der Abschied war erschütternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte Innigkeit dieses Verhältnisses noch einmal aufflackerte; es war ein Abschied für ewig! –
Bis dahin hatten sich Elisens Schönheit und Jugendreiz wunderbar erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Gränze ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wünschte nichts mehr vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu stützen und aufzurichten. Die schöne Natur that ihr wohl. »Es war das Schrecklichste, was mir begegnen konnte,« sagte sie später einmal zu einer Freundin, »aber wenn man es überwunden hat, wird man sehr ruhig.« – Nachdem der junge Philipp Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg über Straßburg und Freiburg nach der Schweiz.
Während Elisa so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit Empfindungen zurück, die von denen eines glücklichen Bräutigams weit abwichen. Der Abschied von Elisen hatte die schmerzlichsten Gefühle in ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, daß mit ihr sein guter Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dämon war es, der ihn einen Theil von jenen zerreißenden Seelenzuständen erleben ließ, die er in seinen »Papierfenstern eines Eremiten« in früher Jugend mit vorahnendem Dichtergeist geschildert! – Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein in dem romantischen Häuschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines idealen Glückes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und Rosengebüschen, diesen schattigen Gängen und traulichen Ruheplätzchen, alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er fühlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu verlassen. –
Bereits den 20. August schrieb eine Freundin von Immermann und von Elisen, Amalie von S. an die letztere aus Düsseldorf die folgenden Zeilen: »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich es Immermann gönnte, Sie nicht so weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlöscht war, mit einer solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, daß Sie, wenn Sie dies in persönlicher Gegenwart sähen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen zurückgekehrt wäre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu seiner Beruhigung thun würden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer Freund auf Erden.« –
Bald nach Elisens Abreise wurde Immermann's Verlobung öffentlich erklärt; er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2. October 1839 verband.
Auf der Rückreise nach Düsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg über Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer Aufführung seiner »Ghismonda« bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefühl des ungeheuren Abstandes zwischen jetzt und ehemals; er mußte sich vorstellen, welchen warmen Antheil Elisa an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben würde, ihm fehlte überall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verständniß seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an Elisen gewohnt war.
Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens in der Galerie sich für die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermüdete, rief er schmerzlich, solche Gleichgültigkeit wäre bei Elisen unmöglich gewesen! – Er vergaß in seiner Aufregung, daß die arme junge Frau keine Schuld daran hatte, daß sie nicht Elisa war, und daß nur Wenigen die hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere besaß! – Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit Leidenschaft nach Elisen verlangte, ja, er veranlaßte sogar Mariannen ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Düsseldorf zurückzukehren. Das war jetzt zu spät; Elisa hatte mit ihrem früheren Leben bereits abgeschlossen! –
Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden war, so mußte er in Düsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen wünschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in der unschönen Grabenstraße. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen waren, beklemmten und bedrückten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft, nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Käfig vor. Er fühlte sich wie Tasso, der aus den Gärten von Belriguardo verbannt ist. – Außer einigen Gesängen von »Tristan und Isolde« hat er auch nichts mehr gedichtet, seit Elisa ihn verließ. Wie schwer lasteten auf ihm die engen, bürgerlich häuslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich brachte! Jetzt erst fühlte er ganz, wie er verwöhnt worden war durch Elisens zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von ihm entfernt, und eine Atmosphäre der Freiheit und der Schönheit um ihn geschaffen hatte, in der er sich ungestört der »süßen Gewohnheit des Daseins und des Wirkens« hingeben konnte. Die tröstende, hülfreiche, begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn für solchen Verlust entschädigen! –
Elisa setzte unterdessen mit ihren Gefährten ihre Reise fort. Sie waren über den Gotthard nach dem schönen Italien gelangt, über Genua, Florenz, Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die wunderbaren Kunstwerke entzückten Elisen; sie empfand es als einen beglückenden Trost, daß während alle Menschenbeziehungen so unsicher, so wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie gewähren, für denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn für sie besitzt, wie unerschütterliche Säulen dastehen, an denen man Herz und Geist ewig aufrichten kann; die reiche Fülle des Schönen, die sich ihr hier auf jedem Schritte darbot, sie mußte wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres erhellen und beleben.
Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schloß der Este, einst der Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmüthige Gedanken in ihr aufsteigen über die Vergänglichkeit alles Glückes. In dem alten verzierten Himmelbette des Hôtels träumte sie von den goldenen Tagen, da Tasso, zu den Füßen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie träumte? – Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am Finger, und wie sie hinfühlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! – Es war einer jener seltsamen, räthselhaften Vorgänge in ihrem Leben, wie wir schon deren mehrere berichteten.