Von den Wundern Venedigs sprach Elisa noch in später Zeit nie ohne Entzücken. Den Rückweg nahmen sie über Tyrol. Alle Erinnerungen aus Elisens Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfüllte, traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's »Andreas Hofer,« dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.

Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so überfüllt, daß sie es verzog, in der reinlichen Küche bei der Wirthin ihr Frühstück zu nehmen, die ihr vom Hofer erzählen mußte, während Elisa dagegen ihr sein schönes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben herkamen. Während dieses Gespräches hatte sich eine Anzahl Tyroler um den Heerd versammelt; sie hörten ruhig und aufmerksam zu, und als Elisa fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum Abschied.

In München fand Elisa die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war. Das Blumensträußchen, welches ihr Elisa das Jahr zuvor beim Abschied gegeben, hatte die zärtliche Freundin, mit dem Datum und Elisens Namen bezeichnet, und sorgfältig getrocknet, seitdem beständig bis zu ihrem letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. Elisa betrauerte innig das treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.

Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefährten, die beide Elisa angestrengt pflegte, gab noch außerdem dem Aufenthalt in München eine trübe Färbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefaßt, nahmen sie ihren Weg weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.

Es war grade der Weihnachtsabend als Elisa bei einer ihr befreundeten Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath Albert Solger und seiner Gattin, in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten könnte, aber rührend sind die Schlußworte desselben: »Den 24. Dezember Abends bei treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal für die Heimathlose!« – –

Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin. Elisa und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren sich gegenseitig so viel Dank schuldig, daß sich nicht mehr berechnen ließ, welche mehr für die andere gethan hatte, so wie es in der wahren Freundschaft auch sein muß. Sie bezogen, da sie beide einen ländlichen Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee 38, in der Nähe des botanischen Gartens. Für die Rheingegend konnte das freilich kein Ersatz sein, aber für die Berliner Umgegend war es anmuthig genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grüne Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna sagte, »Sonne und Mond immer aus erster Hand.«

Die lebhafte Freundin ließ Elisen keine Zeit zu einer wehmüthig stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; Elisa besaß ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein täglicher Gast; sein Interesse für Literatur, sein weiches Gemüth machten ihn angenehm. Johanna pflegte von ihm zu sagen: »Die zarteste Frau kann nicht zarter und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine echte Kinderseele, aber noch kein Mann.« Mit diesen wenigen Worten ist er treffend charakterisirt.

Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden Menschen, von dem Elisa oft scherzend gesagt hatte, es wäre die Stadt, wo mehr noch als die Schornsteine, die Köpfe rauchten, bot den beiden Freundinnen die mannigfaltigsten Genüsse. Elisa war mit Cornelius bekannt, dessen großartige Schöpfungen sie bewunderte, mit Rauch, dem begabten Bildhauer, dessen schöner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhänden hervorgegangen wäre, mit Wilhelm von Humboldt, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und sich auch zu Elisen sehr hingezogen fühlte; sie sah Ludwig Tieck wieder, den der König unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor Wilhelm Zahn, der thätige Nachbildner der Wandgemälde von Herkulanum und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schönen Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle Henrich Steffens und seine liebenswürdige Familie, Friedrich von Raumer, den Elisa sehr schätzte, und dessen spätere geschichtliche Vorlesungen sie immer eifrig besuchte, der muntre Professor Wilhelm Stier, die fleißige Malerin Karoline Lauska, Geheimerath Kortüm und seine Gattin, Beuth und seine Schwester, wären hier zu nennen.

Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von Düsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien außer Beziehung gekommen war, erneuerte Elisa ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in dem sie jetzt war, dürfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu rühmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Möller's ausdrücken, mit denen er sie nach ihrer Wiederkehr begrüßte. Ein dänischer Graf R. hielt um dieselbe Zeit um ihre Hand an. Ja, wir dürfen es kühn behaupten, sie gewann sich nicht minder alle Herzen, als in ihren früheren Jahren. Wenn auch ihr Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt, die beseelten blauen Augen, die schönen Hände, die Grazie der Bewegungen behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer der Schönheit und Frische sie verläßt, und es nun unabwendbar an den Tag kommt, ob sie außer diesen anmuthigen aber vergänglichen Vorzügen auch einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemüth haben, zeigte sich von neuem Elisens voller Werth; sie war das seltene und schöne Beispiel, daß auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden könne.

Das viele Unglück, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit in ihr erregt; sie trug es still für sich allein, und zeigte ihrer Umgebung beinahe immer eine ungetrübte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger, empfänglicher Sinn für alles Schöne, ihre Güte, Milde und Liebenswürdigkeit blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als Elisa es that; sie lebte in ihren Gedanken beständig mit ihnen. Wenn man sie auch längere Zeit nicht gesehen hatte, mußte man durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, daß sie sich so lange fortwährend mit dem Abwesenden beschäftigt, daß sie für ihn alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wußte, daß es ihn interessiren konnte. – Niemals fiel ihr ein, eine falsche Würde annehmen zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glänzen. Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhören, war ihr eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu führen; wo ihr dies zu Theil wurde, rief sie oft entzückt: »Welch ein Glück so zuhören zu können! Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine dankbarere Zuhörerin als mich!« –