Eben war Elisa etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief berührte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach kurzen Leiden den 25. August 1840 plötzlich an einem Lungenschlag. Wenige Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten treue Freunde an dem Lager des Kranken.

Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor Ebermayer, sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise von Elisen. – Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er: »Ach! – Wenn doch Elisens Herz mir einmal vergeben könnte, wie glücklich wär' ich dann!« – Sie hatte ihm vergeben. –

Am 28. August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Künstler stimmten Gesänge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil. Von einem Lorbeerbäumchen, das Elisa ihm einst in glücklichen Tagen geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne schmückte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich etwas Versöhnendes, wie in den Tragödien der Dichter. –

Elisa bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, großartiges Herz nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedürftig, war der Trost, die Stütze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's. Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Düsseldorf zu bleiben wünschte, dies Anerbieten nicht annahm, so setzte Elisa, obgleich der König der Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine jährliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehörigen Manuscripte Immermann's verzichtete sie zum Besten seines Kindes.

Ein Brief von Ferdinand Immermann über den Tod seines Bruders verdient hier eingeschaltet zu werden, als ein schöner Beweis, wie sehr Elisa von Immermann's Angehörigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: »Ihr Brief, liebe Frau Gräfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit. O hätten Sie es doch sehen können, wie Sie uns beglückt haben! Denn wer darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem Worte anzurühren. Meine Mutter läßt Sie vom Grunde ihres Herzens grüßen, und Ihnen in großer Liebe für die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren Zeilen gefunden hat. – Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, daß wir mit aller Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren wollte, innerhalb der Gränzen ungestörten Bewußtseins zurückhalten mußten. Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da begann die Fülle ihrer Liebe in so herzzerreißenden Schmerzenstönen, mit einem so unergründlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen, ihren lieben ältesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszuströmen, daß wir allesammt, den tausendköpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. – O, Sie sollten die Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und der Kopf ist ganz weiß geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als Wehmuth, Ergebung, Fürbitte, Liebe, Sanftmuth und Mütterlichkeit. Ich sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelähmt und stumm; auch weiß ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von seinem Tode. – Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter Trost; aber sie sind doch ein Trost. – Lassen Sie uns, die wir ihn am längsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein rechtes Bündniß des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen Zugehörigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen, und lasse für Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode hervorgehen.« –


Mit Mariannen trat Elisa in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr, und nahm den wärmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll Dankbarkeit für Elisens gütigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele erquickte, und mit süßem Frieden erfüllte; sie äußerte oft, niemand verstände wie Elisa sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben. Immermann's kleine Tochter wurde von Elisa durch mannigfache sinnige Geschenke, und später auch durch das Bild des Vaters erfreut. –

Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte Elisa einen zweiten schweren Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mußte: ihre theure Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22. August 1842 in ihren Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor Elisa die treue Gefährtin ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und durch ihren lebhaften, feurigen Geist beständige Anregung schaffte. Feodor Wehl, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit Elisen bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie folgt: »Die Gräfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn die Erstere darin von größerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so geschah dies nicht nur, weil sie mir länger blieb und näher trat, sondern auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Würde mir besonders imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Gräfin Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hören. Die Gräfin Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen Graal's, und man mußte erst viele Proben und Grade der Tüchtigkeit abgelegt haben, um würdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genießen. Erst als ich damals mein erstes Lustspiel: »Alter schützt vor Thorheit nicht« geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaßen zur Belohnung die Bekanntschaft der Gräfin Ahlefeldt versprochen. Und nie werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu ihr führte! Ach, es war die höchste und letzte Liebe, die sie mir erwies, denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte! Sie war der größeste Contrast, den es der Gräfin Ahlefeldt gegenüber geben konnte. Nicht nur daß sie klein, corpulent und häßlich, nein, auch ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie hatte eine unendliche Fülle von Geist und Liebenswürdigkeit, einen unerschöpflichen Fond von Gutmüthigkeit und begeisterter Hingabe an alles Schöne und Gute. Beide Frauen ergänzten sich, und zwar in einer Weise, wie es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.« –

Elisens Freunde suchten möglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, und ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb, kam Adele von A. aus Preußen zum Besuch, und begrüßte ihre Elisa nach zweiundzwanzigjähriger Trennung. Man muß Elisen gekannt haben, um zu wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Später sahen sich die Freundinnen noch öfter, und immer mit gleicher Innigkeit. Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die kleine Karoline zuführte, deren Züge an die des Vaters lebhaft erinnerten. Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke für Elisens unwandelbare Güte.

Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern Anlaß wohlthuend in Elisen erneuert werden. August von Bietinghoff hatte sich die Erlaubniß erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser Feierlichkeit, die am 15. März 1843, dreißig Jahre nach dem Tode stattfand, mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergeführt hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte Elisen auf, die er innig verehrte. Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund Lützow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Palm führte ihr den braven Friedrich von Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurückgezogenheit in Berlin lebte, ohne zu wissen, daß Elisa auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit schloß man sich aneinander, und gedachte auch Lützow's mit Liebe. Auf Elisens Anregung veranlaßte Palm, daß die noch lebenden ehemaligen Freiwilligen der Lützow'schen Freischaar ihrem tapfern Führer auf dem Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen ließen, welches vier Jahre später, im März 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten Waffenbrüder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedächtnißrede, so wie der Gesang der Körner'schen »wilden, verwegenen Jagd« das Andenken des ruhmvollen Kriegers feierte.