Im Jahre 1846 verließ Elisa die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt, und bezog eine der Stadt nähere in der Schulgartenstraße 1 a. Die Freunde werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon und der Aussicht in's Grüne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer erinnern, geschmückt mit den schönen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano und Andern, mit den Büsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibäumen, dem rankenden Epheu, den anmuthigen Schlinggewächsen. Lützow's Portrait hing neben denen anderer Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von Friesen, Wilhelm von Lützow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der Tisch, der immer mit den neuesten Büchern bedeckt war, zeigte, daß neben dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste Leben der Gegenwart hier seine Stätte fand. Alles war so harmonisch und sinnig geordnet, daß man sich wohlfühlen mußte, wie man die Schwelle betrat. Welche glückliche, unvergeßliche Stunden bereitete Elisa hier den Freunden! –

Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwähnen, mit denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen, welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen übereinkamen, Elisen anzuerkennen und zu verehren: Eduard Schnaase, der verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Düsseldorf nach Berlin übergesiedelt waren; Friedrich Krummacher, der berühmte Kanzelredner, der bei Elisen mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit weltmännischem Tact friedlich zu unterhalten wußte; Rudolf v. Auerswald, der spätere Minister; Adolf Stahr, dem Elisa schon von Düsseldorf her ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch: »Ein Jahr in Italien,« das ihr große Freude gewährte, sie an ihre eigene italienische Reise angenehm erinnerte, Fanny Lewald; Theodor Mundt und seine Gattin; der Maler Louis Blanc; Eduard von Bülow; der Dichter Karl Beck, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjährige Minister von Kamptz, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit Elisen in Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.

Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige Therese von Bacheracht, die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schönheit und Liebenswürdigkeit alle Herzen gewann, Betty Paoli, die interessante östreichische Dichterin, Therese Robinson, die gelehrte Schriftstellerin, die sich unter dem Namen Talvj rühmlich bekannt gemacht hat, Fanny Tarnow, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, Heinrich Laube, Gustav Kühne und der talentvolle junge Dichter Julius Rodenberg. – Mild und gütig wie Elisa war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wußte sie bis zu einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nähe.

Zu ihren nächsten und liebsten Freunden gehörten Feodor Wehl, Gustav zu Putlitz, Hermann Sagert, Katharina Diez, die sinnige Verfasserin der »Frühlingsmährchen,« Rudolf Gottschall, Emil Palleske und seine schöne liebenswürdige Frau. Auf alle diese übte sie den entschiedensten Einfluß aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen, die sich für Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Künstler und Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche und Zeichnungen, und immer knüpfte sich ein angeregtes Gespräch an das Mitgetheilte. Man konnte oft von Elisen eingeladen werden, und doch nicht zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwählt sein, von denen sie gern alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust durch Elisens Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflößen vermag; es war die vollkommene Schönheit und Zartheit ihres Wesens, die auch ihr Alter verklärte. – Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel: »Hölderlin's Liebe,« hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hübsches Lustspiel: »Die blaue Schleife,« das unter Elisens Augen entstanden war, und oft noch später pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wären doch die glücklichsten Stunden für ihn gewesen, da Elisen das eben fertig Gewordene vorzulesen, ihm der schönste Zweck seiner Production war; hier begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem Vortrag seiner »Lambertine von Méricourt« und seines »Carlo Zeno«; hier las der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen »König Monmouth« vor, welchen er Elisen zueignete, da sie so warmen Antheil an der Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den lebhaftesten Beifall schenkte. Häufig auch las Palleske Shakespear'sche Stücke vor, und bei dem Ton seiner kräftig schönen Stimme, bei seinem lebendigen, geistvollen Vortrag wurde Elisa oft an jene Zeit erinnert, da Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.

Feodor Wehl stand Elisen unter den jüngeren Freunden am nächsten, sie war ihm mit wahrhaft mütterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine gute Laune und angenehme Munterkeit, während Hermann Sagert, der ebenso bescheidene als talentvolle Künstler, durch seine stets rege Empfänglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis durch seine frische Liebenswürdigkeit und seinen eigenthümlichen Humor, und Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in die einzelnen Dramen des großen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch veranlaßte.

Wir fügen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem längeren Artikel in den »Jahreszeiten« von Elisen und ihrer Gesellschaft entworfen hat. Es heißt darin von ihr: »Durchaus maßvollen Geistes, allem Edlen und Schönen schwärmerisch zugewendet, und stets in einem rührenden Cultus für die Größe im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur und bildenden Künste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einfluß eine Gesellschaft von Künstlern, Literatoren, Staatsmännern, Militairs, und selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Höhe der Unterhaltung, zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten wieder nach ihr der Fall sein wird. – Sonderbar und eigenthümlich an dieser außerordentlichen, nicht genug zu würdigenden Frau war, daß sie ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das heißt gewissermaßen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lächeln oder abweisenden Mienen dirigirte. – Sie sprach im Ganzen in ihren Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nöthig war. Sie wußte mit wunderbarem Geschick das Gespräch zu entfesseln, und an passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen und spröden Naturen eine Fülle von schönen Anschauungen und tieferen Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besaß jene Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schätze einer Menschenbrust nicht nur für sich zu entdecken, sondern auch für die gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. – Man wird aus ihren Aussprüchen, Briefen und sonstigem Nachlaß in Schriften wenig Frappantes und gewiß nichts derartiges aufzustellen vermögen, daß sich auch nur annäherungsweise die Bedeutung ermessen ließe, die sie persönlich in der That auf ihren Umgang ausgeübt hat. – Es lag eine gewisse stille Sonntäglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den betäubendsten Lärm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie ein verlorenes Glockenläuten, wie ein ferner Sphärengesang. Man mußte sich unwillkürlich zum Lauschen veranlaßt sehen, wenn man in ihren Umgang kam. Nie hat es eine Frau gegeben, die würdiger war, das Ideal eines Dichters oder Künstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schönes, blaues Auge, auch im Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit dem unverwischlichen Pfirsichdufte über der zarten Haut, das stumme, nie lautwerdende Lächeln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schöne an ihr war, ihre Milde, Güte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd. Sie machte edel und gut, und besaß einen feinen Tact, wie er nicht oft gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhörens besaß sie in einem seltenen Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzählen, denn es entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden werden mußte. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet, daß es nur eines leisen Lichtstrahles von außen, das heißt eines echten und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das vielen, und wir dürfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage heraufgeleuchtet und geschimmert hat.« –

In größere, steife Gesellschaften, wo man, wie Elisa zu sagen pflegte, den Geist im Wagen lassen könne, und im besten Kleide die beste Langeweile genösse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen Hause.

Ueber ihre liebenswürdige Art zu grüßen, sagt Feodor Wehl in einem andern Artikel in den »Jahreszeiten«: »Ihr Gruß war noch der Gruß mit der ganzen Liebenswürdigkeit und Grazie, welche dabei in natürlicher Weise in Anwendung zu bringen sind. Der Gruß war ein Gruß der ganzen Person, ein Gruß, in dem ein Hauch der schönen und edlen Seele lag, von der er gegeben ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir in unvergänglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlächeln, diesen Gruß, der im Blick des Auges, in den Zügen des Mundes der Beugung des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte und anmuthige Gestalt der Gräfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grüßte mit dem vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darüber empfand, auf der Straße, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grüßte, wir können nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gruß war eine Art Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, daß sie nur Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grüßte in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als von Unterordnung entfernt.« –

Wenn Elisa von ihrer großen Vergangenheit erzählte, überflog sie eine jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein Kästchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine französische Kugel, von der Lützow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.

Von Lützow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Lützow's Betragen gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: »Sie thun Lützow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle Menschen so gut mit mir verfahren wären, wie Lützow, so wollte ich mich nicht beklagen, und sehr zufrieden sein.« – Oft sagte sie, sie würde keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel zu erdulden habe. »Lützow ist mir immer ein treuer Freund geblieben,« sagte Elisa einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, »und wir haben beide oft bereut uns getrennt zu haben.« – An seinem Todestage fuhr sie immer nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst über Immermann kam niemals ein hartes Wort über ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wärme von seinem Dichtertalent.