Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor Elisa nicht einen ihrer Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, ließ aber auch andere Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen wollte. Das viele politische Gezänke in den Gesellschaften war ihr zuwider, und oft klagte sie über eine Zeit, in der alle Theilnahme für Kunst und Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrübend war für sie der Krieg in Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dänischen, theils holsteinischen Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenüber standen, und der Bruder gegen den Bruder kämpfte; sie sehnte sich auf das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen Blutvergießens.

Als den 28. August 1849 Goethe's hundertjähriger Geburtstag gefeiert wurde, war Elisa ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre näheren Freunde verreist waren; da zündete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmückte es festlich mit Blumen, und las allein für sich, die »Iphigenie,« auf diese Weise das Andenken des geliebten Dichters feiernd.


Im Jahre 1851 hatte sie die Freude, daß ihr edler, würdiger Freund, Leo Palm, der als General seinen Abschied genommen hatte, nach Berlin zog. Die frühe Jugendfreundschaft hatte sich durch ein langes, wechselvolles Leben unverändert erhalten, und sollte nun den Abend desselben verschönen und erhellen. Da sich eine Wohnung für ihn in Elisens Hause fand – später zog er mit ihr in die Dessauerstraße 7, wo sie die letzten Jahre wohnte – so hatte sie den Freund nun ganz in ihrer Nähe, der sich ihr auf das liebevollste widmete, an dem sie einen Beschützer und die erwünschteste Gesellschaft hatte. Er ging mit ihr spazieren, er las ihr vor, und bewahrte mit ihr die Erinnerungen der Vergangenheit. Niemals fehlte er in jenem schönen Gesellschaftskreise Elisens, von dem wir vorhin sprachen, wo alles sich an seiner Gegenwart erfreute, weil er wie Elisa die Gabe besaß, mit der frischen Jugend fröhlich zu verkehren, und mit freiem, unbefangenem Geist und edlem und feinem Sinn an allem Guten und Schönem theilzunehmen. Durch seine Freundschaft war Elisa in ihrem Alter von einer zarten Aufmerksamkeit und Sorgfalt umgeben, um die manche jüngere Frauen sie beneideten.

Beinahe jeden Sommer machte Elisa eine Reise; oft besuchte sie ihre lieben Verwandten in Holstein. Ihre leidende Gesundheit erforderte häufige Badekuren; sie ging nach Gastein und später mehrmals nach Karlsbad, wohin der Freund sie begleitete. An letzterem Orte lernte sie den Dichter Alfred Meißner kennen, dessen frische, jugendliche Erscheinung, und angenehmes Wesen ihr sehr wohl gefiel. In Holstein bei ihrer Cousine, der Gräfin Margarethe von Scheel-Plessen auf Sierhagen sah sie viel die Gräfin Ida Hahn-Hahn, deren Geist sie anzog, wenn sie auch ihren politischen und späteren religiösen Fanatismus nicht theilte: dort auch befreundete sie sich mit der Jugendschriftstellerin Margarethe Wulff, deren allerliebste Kinderschriften unter dem Namen A. Stein erschienen, und vortheilhaft bekannt sind.

Die letzten Jahre wurde Elisens Gesundheit immer schwächer; sie fing auch an etwas am Gehör zu leiden, wodurch ihr mancher Genuß entzogen wurde. Im Sommer 1854 reiste sie nach einem leidensvollen Winter nach Teplitz, begleitet von ihrem Freunde, dessen Pflege und Sorgfalt allein es noch möglich machte, eine solche Reise zu unternehmen. Leider kehrte sie ohne merkliche Besserung von dort zurück.

Sie war beinahe nie mehr ohne Schmerzen, aber die harmonische Gleichmäßigkeit und liebliche Heiterkeit ihres Wesens konnte dadurch nicht gestört werden; bei niemand ist jener Schleier, von dem die Prinzessin im »Tasso« spricht »den uns Alter oder Krankheit überwirft,« durchsichtiger gewesen als bei Elisen. Wenn man bei der Leidenden eintrat, fand man sie immer in ihrem Sessel vor dem Tische sitzend, der stets mit frischen Blumen und Büchern bedeckt war. Sie empfing einen Jeden mit freundlichem Lächeln, fragte nach allen neuen Erscheinungen in Kunst und Literatur, und wenn man sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, sagte sie wohl oft leise abwehrend: »Nicht von meiner Krankheit reden! Still davon!« – Sie ahnte, daß sie nicht besser werden würde, und war ruhig und gefaßt, wenn sie wohl auch gern ein Dasein noch weiter gelebt hätte, das so viele ihrer Freunde beglückte, und das ihr grade in diesen letzten ruhigen Lebensjahren bei ihrem regen Sinn noch manches Gute bieten konnte. Kurz vor ihrem Tode, schrieb sie sich noch, obgleich es ihr bereits schwer wurde, die Feder zu führen, die folgenden Verse des edlen Dichters Moritz Hartmann ab:

»Von keinem Leid, wie schwer es sei,

Laß stimmen deine Seele trüber:

Geht auch dein Leiden nicht vorbei,