Möchte ich für so viel Güte Sie mit einer anziehenden Reisebeschreibung erfreuen können. Aber weder die öden Haiden, noch die zahlreiche Passagiergesellschaft, mit der ich in dem großen Kasten eingepfercht war, wollen mir Stoff dazu reichen. Um jene interessant zu machen, müßte mir die Phantasie eines Georg Jacobi, der die in seine Gedichte aufgenommene Winterreise von Halberstadt nach Düsseldorf so lieblich erzählt, und um aus dieser etwas zu machen, der reiche Humor eines uns wohl bekannten Freundes beistehn. – Als ich abfuhr schimmerten noch die Lichter des Himmels, von denen Jesus Sirach sagt: »Sie wachen sich nicht müde!« – Der trübe Morgen verscheuchte sie bald, allmählig wurde der Tag freundlicher, und als er sich neigte, zogen die Sterne wieder herauf, und in schöner Pracht schien der Orion grade in mein Wagenfenster. Immer habe ich diese Himmelskinder geliebt; schon als Knabe konnte ich mich oft nicht satt an ihnen sehn. Seltsam war es mir da zu hören, daß die Grönländer die Sterne für verklärte Grönländer halten, und den Mond für den ersten unter ihnen, weil er einst die mehrsten Seehunde gefangen. Freilich muß der Mensch sich alles vermenschlichen, womit er sympathisiren soll! Ich sah zu ihnen auf, wie zu alten, lieben Freunden, und in einem von ihnen gar freundlichen und milden glaubte ich Ihren Blick zu sehen. Endlich war die Mitternacht gekommen, sie brachte mich an meine Wohnung. Die Augen meiner Freundin hatten sich wacker gehalten; gleich beim Geklingel der Schelle kam sie mir herzlich entgegen, und eine der ersten Fragen waren Sie – ich brachte ihr mit Innigkeit Ihren innigen Gruß. Noch wurde eine Stunde fröhlich verschwatzt, nun aber war es mit meinem langen Heldenlaufe aus, und ich schlich ermüdet zum Schlafe. Heute bin ich wieder frisch auf, und ich habe mich bereits an vorgefundenen Briefen von meinen Kindern und Freunden, von Krummacher, von Professor Augusti in Bonn u. a. m. ergötzt. – Der Letztere, mein herzlicher Freund, thut mir unter anderem den Vorschlag, daß wer von uns beiden den andern überlebt, ihm ein kleines schriftliches Denkmal stifte. »Sie haben dies,« schreibt er, »bei Berg und Nonne mit so viel Liebe und Einsicht gethan, daß ich mir's als etwas recht Erwünschtes denke, eben von Ihnen einen solchen Dienst zu erhalten. Sollte ich aber Sie überleben, so würde ich, obwohl mit schwerem Herzen, Ihnen ein gleiches thun. Lachen Sie nicht über den seltsamen Einfall! Wir sind in Hinsicht der Denkart und des Gefühls nahe genug verwandt, um auch in dieser Hinsicht für einander zu passen, und daß es dem Zurückbleibenden darum nicht übel anstehn würde, zu sagen: »es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan!« – Wie sehr hat mich das alles gerührt, und mir meinen Augusti wo möglich noch lieber gemacht!
Jetzt kommt für mich die liebe Arbeit herbei, die mich eine Zeitlang nur zu sehr festhalten wird. Aber für schöne Erinnerungen soll sie mir doch Raum lassen. – Wenn Sie mitunter ein geisterhaftes Säuseln um sich vernehmen, so erkennen Sie darin die Nähe eines Freundes, der zu seinen liebsten Gedanken auch den an Sie zählt! Wie ist es mir so lieb, daß ich nun auch Ihre nächsten Umgebungen weiß. An Immermann meinen besten Gruß. Seinen jüngsten Gedichten habe ich manche schöne Stunde zu verdanken. Ich habe es ihm aber nicht gesagt, weil ich mir zu wenig bin, solchen Dichter zu preisen. – Vorgestern, in eben der Stunde, wo ich dieses schreibe, sagte ich Ihnen ein Lebewohl. Möchte es nicht zu lange dauern, daß ein Willkommen darauf folge! Ganz und von Herzen der Ihrige
Möller.
5.
Münster, den 31. Mai 1832.
Ich kann es nicht bei den mündlichen Herzensgrüßen bewenden lassen, die ich so eben der Freundin Engels auf den Weg gebe, für Sie – verehrte und geliebte Freundin! Ein lebendigeres, aber doch leider in todte Buchstaben gebanntes Zeichen meiner zu Ihnen sich neigenden Seele möchte ich vor Ihnen erscheinen lassen. Noch klingt in meinem Innersten der Silberton Ihres letzten Grußes. Wie sehr danke ich dafür! Möchte ich zugleich mit der Engels in Ihre ländliche Wohnung eintreten können, und so den Frühling doppelt sehen! Aber ich werde nach Bonn, und wie, wenn ich dann mit Ihnen eine Rheinfahrt machen könnte! Sie sind ja eine Vertraute des Wasserelements wie Amphitrite! Der dritte Mann, ein wackrer Tritone, fände sich dann wohl auch. Ich bitte um die Gefälligkeit, ihn zu grüßen; sein Kranz auf Goethe's Sarg hat mich gerührt. Haben Sie, meine Theure, etwa auch schon Falk's Denkschrift auf Goethe gelesen? Ich fand viel Interessantes von dem interessanten Falk. Ich will hoffen, Sie haben sie noch nicht gelesen und darum mir erlauben, sie Ihnen zu senden mit der Bitte, sie in Ihren lieben Händen zu behalten. So etwas kann mir nicht anders als ein süßer Gedanke sein.
6.
Münster, den 4. Septbr. 1832.
– Sie glauben wohl nicht ganz, wie sehr ich Sie liebe, wie der holde Gedanke an Sie mir wie ein frischer Thautropfen ist, in welchem die schönsten Farben des Morgenhimmels sich spiegeln. O bleiben Sie dem alten Freunde treu und ertheilen ihm dadurch eine verjüngende Kraft!
Unser gemeinschaftlicher, lieber Freund Kohlrausch ist im Begriff zu uns zu kommen. Möge er eilen, daß ich ihn nicht noch verfehle. Er hat mir, seit er Münster verlassen, keine Zeile geschrieben, auch selbst da nicht, als ich ihm vor einem Vierteljahr ein Gedicht auf seine silberne Hochzeit drucken ließ und dieses mit einem theilnahmsvollen Briefe an ihn nach Hannover schickte. – Ich bin nicht irre geworden; er liebt dennoch, weil er muß! – Leben Sie wohl, liebe Holde! Gruß an Immermann, aus dessen »Alexis« ich bereits einiges auswendig weiß. Mit vollem Herzen