Theure Frau Gräfin!
Ihre unerwartete Zuschrift hat mich eben so hoch entzückt, als tief niedergeschlagen. Die letztere Empfindung – ich schreibe dieses, nachdem ich eben erst die Züge Ihrer lieben, lieben Hand empfangen, – ist noch die vorherrschende. Nein! ich kann es mir nicht vergeben, daß ich so unbesonnen rasch, ja, so dumm und toll verfahren.[2] Ein feindseliger, neidischer Dämon muß es gewesen sein, der mir immer zuraunte, daß Sie nicht kämen, sicher nicht kämen, nicht kommen könnten – und mich so zum wüsten Köln entführte. Das in Elberfeld vorgefundene Briefchen Ihrer Güte wollte mich nun auch gewissermaßen hierüber trösten. Nun aber sehe ich alles anders. Sie sind also doch in Godesberg gewesen! Ach, mehr als jemals würde es sich mir verklärt haben, hätte ich es mit Ihnen wieder betreten, mit Ihnen es genossen, wie würde mir der Mißmuth über das Verfehlen meines eigentlichen Reiseziels versüßt, ja, sofort ganz und gar vergessen worden sein! O, wie beschämend ist der Takt und die Standhaftigkeit eines weiblichen Herzens gegen die Verkehrtheit und Unbeholfenheit der meisten Männer, die nach meiner und fremder Erfahrung dem leidigen Schicksal unterliegen, in entscheidenden Augenblicken des Handelns linkisch zu verfahren. Ich bin arg dafür gestraft, so sehr, daß ich lange daran genug habe.
Und nun, großmüthige Freundin, schreiben Sie mir noch dazu! Könnte ich doch in diesem Augenblicke Ihnen die liebe, liebe Hand küssen, in's liebe Auge blicken! Die Ungeduld – o, wie ergreift sie mich, holde, süße Freundin!
Daß die Paalzow meiner noch gedacht, hat mich überrascht. Es waren schöne Tage in Godesberg, wo ich sie sah, und auch an Mondabenden ihr geistreiches Spiel und Gespräch genoß, das noch unvergessen bei mir ist. Die Kohlrausch war auch da. Ich mußte mich mit Gewalt von Godesberg wegreißen. Gern sagte ich der Paalzow meinen schönsten Gruß, wenn ich sie zu finden wüßte.
Sehr danke ich für die Worte über Immermann. Möchte er bald und frisch und wohl wiederkommen. Zu seiner Zeit wird über seine Reise Näheres kund werden, was von ihm mitgetheilt, jeder gern vernehmen wird.
Oft habe ich Sie im Geiste zum Rhein blicken sehen, auf seine empörten Wogen, seinen brausenden Sturm, eine Ariadne, – doch ohne deren Klagen! Wie lange wird es währen, ehe der Himmel die Erde wieder küßt, und sie damit zu seiner blühenden Braut erhebt! –
Ihr innigst ergebener
Möller.
[2]: Elisa und Möller hatten verabredet, in Godesberg zusammenzutreffen, letzterer war aber gleich weiter gereist, weil er dachte, bei dem schlechten Wetter würde die Freundin nicht gekommen sein.