O, wie sehr, Holdeste, haben mich die jüngsten Zeilen Ihrer lieben Hand erfreut. Ich konnte sie nicht ungeküßt lassen und fühlte mich dann wie vermählt mit Ihrem Wesen. O, daß ich Ihrer süßen Lockung nach Derendorf folgen könnte! Ich bin jetzt durchaus gebunden, aber das Möglichste wird, so der Himmel will, geschehen. Ein feindseliges Geschick hat mich schon mehrmals gehindert zu kommen, als sollte ich nur unter Wünschen leben! – Selbst habe ich bei Ihrer zweiten Durchreise Sie – auch nicht einmal – erblicken sollen! Ich weiß dies nicht zu verschmerzen! – Selige Augenblicke, Sie bei mir gesehen zu haben! Sehr Weniges weiß ich jetzt mir selbst davon zu sagen, – denn ich habe nur Sie, nur Sie, Geliebte, empfunden. Meine Wohnung ist mir viel lieber, seitdem Sie in derselben geathmet. Hätte ich Sie doch auch in den oberen Theil derselben geführt – und dann auch Ihr Schatzkästlein gezeigt, voll weißer, grüner, rother, lieber Blätter! Das Alles ist jetzt vorüber, wie der Schmuck der Bäume und Gärten vor den Stürmen des Herbstes. Nur jene Blätter werden mir bleiben – sie tragen ja liebe Worte Ihres Herzens! –

Ich freue mich herzlich, daß Sie Ihre vaterländischen Gegenden glücklich erreicht und die Ihrigen wohlauf wiedergesehen haben. Liebe Erinnerungen werden Ihnen eine schöne Nachlese von dieser Reise geben. Ich war während jener Zeit im alten Soest auf einer Synode von sechzig Predigern und Kirchenältesten, unter welchen ich dem größeren Theile nach befreundet bin. Im Kreise der Geistlichen befanden sich drei Bischöfe: Roß zu Berlin, Eylert zu Potsdam, Dräseke zu Magdeburg. – Nach vierzehn Tagen fuhr ich nach Arnsberg, eine neue Stadt in modernem Styl gebaut, in einer schönen gebirgigen Gegend. Ich begrüßte dort mehrere gute Freunde, unter anderen den Präsidenten Kesler, Verfasser des Lebens seines seligen Schwiegervaters, Doctor Heim, das so unzählige Leser gefunden. Der Aufenthalt war mir um so lieber, da ich in der Nähe des Stammsitzes meiner Familie väterlicherseits, Warstein, mich befand. Die Jahre meiner Kindheit und ersten Jugend sind in diesen romantischen Umgebungen dahingeflogen; fröhliche Erinnerungen ohne Zahl traten mir dort vor die Seele. Aber jetzt hatte ich mit Ossian zu singen:

»Ich bin allein auf diesen schweigenden Hügeln!«

Keiner war jetzt dort mir, ich keinem bekannt. – Darum halte ich mich so fest an dem, was jetzt noch mein ist. O Theure, bleiben Sie mir zugethan! –

Der 18. Oktober ist hier in einer großen Gesellschaft von Generalen, von Pfuel,[4] von Wrangel etc. und Offizieren und Beamten und ehemaligen Mitstreitern gefeiert. Auch mich ergriff das patriotische Feuer, und ich habe zur Ehre Preußens mit hinreißender Beredtsamkeit geredet, – ohne vorher daran gedacht zu haben. Aber alle dankten mir. Ich weiß noch nicht, wie mir geschehen! – Es ist ein herrliches Gefühl, einmal über sich selbst erhoben zu werden. Wie

selten ist aber Veranlassung, dazu zu kommen, in unserer trockenen schlechten Welt. Am folgenden Tage wurde ich zum Mahl auf's Schloß gebeten, wo ich unter anderen in der Familie von Pfuel wohl aufgehoben war.

Da muß ich nun schließen! Ach, Abschied, immer Abschied – von der ich nimmer scheiden möchte. Da steht sie vor mir, die liebe, holde Gestalt! – – Ich fasse ihre Hände, ich schmiege mich ihr an. – Adieu, Adieu! –

Möller.

[4]: General Ernst von Pfuel, 1848 Ministerpräsident und Kriegsminister.

19.