Münster, den 6. Mai 1839.

Wie haben Sie, Holde, Gütige, mich durch Ihre goldenen Worte erfreut! – Ich hatte sie nicht geträumt, nicht gehofft! – Ich eile, sofort sie zu erwiedern, sofern dies möglich ist! – Ich erröthe, daß ich mir habe zuvorkommen lassen, denn wie oft habe ich schreiben wollen. Ich meine dann immer, ich müsse eine schönere, gedankenreichere Stunde abwarten! – Jetzt ist mir der nächste Augenblick der beste. – Ich fühle mich Ihnen so nahe, und wie könnte ich das, ohne die süßesten Bewegungen des Herzens. – Sie gedenken des Musikfestes. Wie oft habe ich schon desselben gedacht. Es ist mein ernster Wille, es zu benutzen Sie wiederzusehen, denn die Musik wäre mir doch nur, so sehr ich sie liebe, Nebensache. Ich komme aber eher los, wenn ich zum Musikfest reise, wohin alle Welt reist. Was ich beabsichtige, weiß niemand. – Es wird mir nicht leicht gemacht, dahin zu kommen, da alsdann grade geschäftsvolle Tage hier sind. Möge ich wie ein tapfrer Ritter um seine Dame mich durchschlagen! Es treibt mich sehr, vorzudringen. Welche Freude wäre mir ein solches Wiedersehen! Ich muß mich üben zu einer ruhigen Fassung. Auch bin ich hierin schon weitergekommen, so daß ich mit Ossian singen kann:

»Die stürmenden Winde haben sich gelegt,

Von ferne tönt des Gießbachs Murmeln,

Sanfte Wellen spielen am Ufer ferne.« –

Daß Sie, vortreffliche Freundin, in dem gräulichen Winter an Unwohlsein gelitten, betrübt mich sehr. Sie müssen immer wohl sein! Ich kann und mag Sie nicht anders denken, als heiteren Blicks, aus blauem Auge. – Kehrten Sie doch noch einmal so in meine Wohnung ein; und dies auf lange und immer längere Zeit! – Im Gärtchen säßen wir dann Morgens unter der Kastanie und Abends in der Weinlaube. – Lange könnte ich noch fortfahren in dieser Weise zu denken und immer weiter und schöner zu träumen. Und warum nicht? Gehört's nicht auch in's Leben? – Hätte ich nur eine Seele neben mir, die also sich gehen zu lassen liebte!

Uebrigens haben wir den Winter hindurch doch manche Erfreuung von außen gehabt; ein sehr gutes Theater und treffliche Conzerte und mancherlei gesellige Kreise. In die Familie von Vincke komme ich oft, und jetzt ist im Schlosse auch noch eine andere, die von Pfuel; er ist ein gar wackerer Mann, und sie eine angenehme, gesellige Dame, so wie ihre Tochter. Beide waren noch gestern Abend bei uns.

Wenn Sie mir Immermann's neueste Schriften nennen, wird mir ängstlich zu Muthe. So auch bei den Namen Freiligrath, Uechtritz, und so manchen andern schönen Geistern, die unter uns auftreten. Wer möchte sich nicht an ihren Gaben erfreuen, laben, erquicken, jubeln! Aber im Strome der Zeit, der täglichen Berufsarbeiten, so vieler anderer nöthiger Studien kommt man zurück, was man dagegen auch thue. Dabei fast lauter Menschen um sich her, die nichts dergleichen denken und suchen, in unserem sterilen und hölzernen Zeitalter.

Den 16. Mai.

Ich bin abgehalten worden, das vorstehende Schreiben zu vollenden. Sie glauben nicht, meine Theuerste, welch ein Leben voll Arbeit und unvermeidlichem Getreibe ich führe. Die Hoffnung zum dortigen Musikfest habe ich noch immer unterhalten, muß sie aber jetzt erwürgen. Welche Schaaren werden dort sein! – Ich aber bleibe wie ein Gescheiterter an der Küste. Was mich tröstet ist einestheils, daß das Getümmel dort so groß sein wird, daß kaum ein musikalischer Genuß möglich ist, und auch Sie in demselben mit begriffen sein werden, daß mir Ihre Nähe wenig erquicklich und genußreich sein würde; das Aergste, was mir begegnen könnte. Daher habe ich jetzt den Entschluß gefaßt, einer mir gewordenen Einladung nach Koblenz zu folgen, und auf diesem Zuge auch Düsseldorf oder vielmehr – Sie zu sehen. O, des süßen Gedankens, der so unzähligemal in meinem Innersten aufgewallt, endlich gestillt werden wird! Das menschliche Leben erstirbt unter Wünschen. Ich erfahre dies in einer ausgezeichneten Weise. Wenn alles geht, wie es soll, bin ich etwa in der zweiten Woche des Junius in Düsseldorf. – Auch jetzt vermag ich beim Gedränge der Geschäfte leider nichts mehr. Von hier sind auch Viele dort. Hätte ich mich diesen anschließen können, – ich hätte die Musica fahren lassen können, um bei und mit Ihnen zu sein. »Selig allein ist die Seele, die liebt.« – Tausend Lebewohl und Herzensgrüße!