Am darauffolgenden Tage frühmorgens erhob sich Magdalena von ihrem Lager, und ohne dabei einen Blick hinüber nach dem Bette der Mutter zu tun, schlich sie sich leise aus der Stube.
Die Bäuerin stöhnte tief auf, als sie gegangen war.
Das Mädchen trat in den Hof, die bleichen Wangen und die Ringe um die Augen verrieten, daß es eine schlaflose Nacht gehabt.
Leopold ging eben mit einem Wasserzuber zum Brunnen, er blieb stehen, als er sie herankommen sah. „Dich läßt der Alte auch nicht heiraten, hab’ ich gehört.“
„Du hast recht gehört. Er hat wohl eben einen so guten Grund dazu wie bei dir.“
„Ei, schwätz, wenn er keinen bessern hat, so taugt er nicht viel. Nun, ihr habt noch immer leichter warten als unsereiner. Was machen euch ein paar Jahre auf oder ab? Und gar lang kann es ja doch nimmer dauern.“
Er war unterdem an den Brunnen getreten, hatte das Gefäß auf den Brunnentrog gestellt und dabei dem Mädchen den Rücken zugekehrt, als er sich jetzt umsah, schloß dasselbe gerade das Gartengatter hinter sich.
„Schau, bin ich dir vielleicht zu gering? Das dürft’ dich doch noch gereuen, stolze Gretl!“ Er griff nach der Brunnenstange und zog heftig daran, jeden Zug begleitete ein Schimpfname oder eine Ehrenrührigkeit, welche er sämtlich in aufrichtigster Mißachtung seiner Schwester widmete. Der Eimer war früher voll geworden, ehe er sich erleichtert fühlte, und so schalt und schimpfte er auf dem Wege nach dem Stalle fort; dort hatte er zwei Pferde zu betreuen, die eine Stute hatte in ihrer Jugend dem Vaterlande gedient und sich daher eine etwas strammere Haltung bewahrt, das fiel dem jungen Reindorfer eben jetzt unangenehm auf, er versetzte dem Tiere einen Tritt. „Stolze Gretl,“ sagte er. Das Pferd schnaubte und spitzte die Ohren. Klangen ihm aus vergangenen, besseren Tagen Trompetenklänge durch die Seele, die zu ruhmreichem Streite oder zur sorglichen Fütterung riefen? Wer weiß es?
Magdalena fand den alten Reindorfer an dem Platze, wo sie gestern von ihm gegangen.
Der nächtliche Gewitterregen hatte die Rebenblätter erfrischt, und sie standen in frischem Grün aufrecht an den schlanken Stielen, einzelne Ranken hingen aus dem dichten Blätterdache hernieder, unter welchem der alte Mann saß; als er die Dirne herankommen hörte, blickte er auf, es ließ sich an seinem Wesen weder eine Ermüdung noch eine Änderung vermerken, er zeigte sich wieder ganz wie sonst.