„So schreib mir nur gleich den Brief, Vater.“

„Gleich? Wohin denkst denn? Eine Reis’ allweg vom Hause in die Welt, um Brot zu suchen, die tut man nicht so über Hast. Dann schickt sich auch keine Gelegenheit, ich brauche die Pferde in der Wirtschaft und kann dich nicht einen halben Tag lang fahren. Ich hör’, der Kleehuber fährt in acht Tagen nach der Kreisstadt, der nimmt dich wohl gegen ein gut Wort mit.“

„Acht Tage vermöcht’ ich nimmer da zu bleiben. Wozu soll noch eine ganze Woche eines dem andern in Scheu, Bangigkeit und Herzweh aus dem Wege schleichen, und sich dann wieder vor Leuten zu verlogenem Wesen zwingen? Besser ich geh’ gleich, heute noch. Heut ist Kirchweih, da hat kein Mensch darauf acht und mengt sich niemand ein, später, wenn sie nachfragen, bin ich eben nimmer da. Sorg dich nicht um mich, Vater, ich schick’ mich schon darein und werd’ mich schon auswissen; fleißige Hände finden immer ehrlich Brot, und rechtschaffenes Wesen eine freundliche Aufnahme, so ist mir nicht bange, wie ich durch die Welt komme. Was die Gelegenheit anlangt, so brauch’ ich gar keine, ich bin gut zu Fuß, mein Bündel ist bald geschnürt und leicht zu tragen, in einer Stunde kann ich von da weggehen und bin abends in der Kreisstadt, da übernachte ich bei deinem Bruder, dem Herrn Lehrer, und die Eisenbahn fährt morgen, wie alle Tage, ihren Weg.“

„Du denkst noch heute fortzugehen?“ Die Stimme des alten Mannes klang etwas unsicher, als er das fragte.

„Ja, Vater. Sag selber, denk’ ich nicht recht?“

„Ich vermöcht’ dir nicht nein zu sagen. Es wird schier völlig das Gescheiteste sein, wie du meinst. Nun, so richt halt in Gottesnamen deine Sach’ zurecht. Vergiß den Taufschein und das Impfzeugnis nicht, denn in der Stadt drinnen, hab’ ich mir sagen lassen, muß sich jedes siebenfach ausweisen, daß es einmal auf der Welt ist; solltest du sonst noch was von Papieren brauchen, so schreib, daß wir dir’s besorgen und schicken mögen.“ — Er erhob sich. — „Ich geh’ jetzt deinen Brief schreiben.“ Er hatte es vermieden, das Mädchen anzusehen und so ging er jetzt mit gesenktem Haupte langsam von ihr hinweg.

Und als sie nun allein verblieb und den Blick nach der Stelle richtete, wo der alte Mann gesessen hatte, und aufhorchte, wie das Geräusch seiner Tritte nach und nach erstarb, da war ihr, als ginge er nun fort und fort, weiter und immer weiter von ihr hinweg, als wäre nicht nur da in der Laube ein leerer Platz, sondern auch in ihren kommenden Tagen eine Lücke, wo sie nie mehr so den ehrlich gemeinten Rat in der liebgewonnenen Weise zur Hand haben wird. Sie stand rasch auf und ging ihr Bündel schnüren.

Sie trat in die Stube, öffnete ihren Schrank, begann ihre Kleider herauszunehmen und legte sie auf einen Stuhl.

Die Bäuerin, welche mit einem Strickzeug in der Ecke saß, sah erst diesem Beginnen verwundert zu, dann erhob sie sich, legte die Arbeit hinter sich auf den Sitz zurück und trat mit fragendem Blick an das Mädchen heran.

„Ich muß dich bitten, Mutter,“ sagte Magdalena, „daß du so gut bist und mir von den Sachen herausgibst, was mein gehören soll und was ich mitnehmen darf.“