„Hochwürden, glaubt Ihr daran?“

„Warum sollte ich sagen, was ich nicht glaube?“

„Wohl, Ihr hättet es nicht Ursache. Aber doch — nicht jeder darf reden, wie er es vermeint; was seines Amtes ist, daran muß er sich halten. Hab’ einen Advokaten gekannt, der hat auch gesagt, von der Wahrheit könne er nicht leben.“

„Verblendeter Mensch! Wenn ich dir jetzt mit den Tröstungen der Kirche beispringe, was bin ich denn anders als dein Advokat, der dich nicht unvorbereitet, nicht unverteidigt vor den Richterstuhl Gottes treten lassen will?! Aber auch ich werde da mit der Wahrheit nicht weit kommen, denn ich darf deine Sünden und Vergehungen nicht die strenge Gerechtigkeit Gottes aufreizen lassen, austilgen muß ich sie durch die Gnadenmittel, damit ich seine Erbarmung für dich anrufen kann!“

„Ja, ja, es möcht’ schon recht sein, wenn Ihr so tätet, es könnt’ nicht schaden, wenn es nur nützt! Aber ihr hochwürdige Herren seid ja selber so, alle Ostern seht ihr einem die Sünden nach, und darauf rückt ihr sie ihm wieder allzusammen vor, — wenn bestimmt ist, daß es einem eingebracht werden soll, so steht wohl auch schon das Urteil fest, was hilft nachher alles Beten und zum Kreuz kriechen?“

„Es hilft auch nicht ohne aufrichtige und — wo es noch etwas gutzumachen gibt — tätige Reue. — Wie aber kommt Er dazu, Herlinger, daß Er sich leichter in eine harte Führung und ein strenges Gericht Gottes ergibt, als an dessen Milde und Barmherzigkeit glaubt?“

„Ja, es ist mir halt alles im Leben so überquer gekommen, immer eines auf das andere, als ob es hätt’ sein müssen, niemal ist es mir so gut geworden, daß ich einem Jammer hätt’ ausbeugen können, niemal hat es mich aus einem Drangsal gerissen, wie andere oft, daß man meint, ihr Schutzengel führt sie an der Hand heraus, und wenn man so immer und alleweil ohne jede Hilfe verbleibt, dann merkt man wohl, wie man nie etwas hat tun können gegen das, was werden will, und wenn es der Herrgott auf einen abgesehen hat, da muß man noch froh sein, wenn man ihm abbetteln kann, daß er es nicht gar zu grob macht. — Als kleiner Bub’ hab’ ich meine Mutter verloren, mein Vater hat nach ihr ein junges Weib genommen und kurz darauf kam auch ein Stiefbruder zur Welt, natürlich waren bald alle drei gegen mich, die Bäurin wegen ihrem Kind, der Vater wegen der Bäurin und der kleine Stiefbruder hielt sich an das Beispiel der beiden; nun ja, mein Erbrecht auf die Mühle trug mir all die Gehässigkeiten ein, das konnte ich freilich damals nicht wissen, in so jungen Jahren hat man noch nicht den Verstand, aber eben wo man gar keine Ursache weiß, da tut es desto weher, wenn man immer so lieblos aus dem Wege geschoben wird. — So bin ich aufgewachsen, daheim hab’ ich nichts Gutes genossen, aber auch außerm Haus hätt’ ich mir nichts herausnehmen sollen. Die andern alten Leute lachten, wenn ihre Bursche wild und toll taten, und meinten, so verbleibt’s nicht und sie würden sich schon die Hörner ablaufen, mir aber sagte mein Vater, ich sollte mir derlei vergehen lassen, sonst erschlüge er mich. Daß ich ihnen neidig war, sahen sie gar bald, und sie zahlten mir mit Spott heim. Da hab’ ich denn aus Trotz angefangen, es heimlich ärger zu treiben, wie sie offen; o, auf krummen Wegen findet man schon auch seine Leute, ist zwar dem einen an dem andern nichts gelegen, aber zum Gruß und Dank ist man sich gerade gut genug.“

Der Pfarrer rührte mit der Hand an die Bettdecke. „Hör’ Er, Müller, da gibt Er wohl selber zu, daß das nicht zu loben und nicht gut getan war, ich denke, es könnte Ihm auch die Reue darüber nicht schwer fallen.“

„Das nicht, Hochwürden, das wohl nicht, derlei unbedachte Sündigkeit mag wohl einer rechtschaffen bereuen! Wer weiß, ob es nicht ohne das mit mir ganz anders stünde, — ob ich jetzt auch schon so siech daläge?! Hab’ ohnehin meine wilde Zeit einmal abbrechen wollen, aber es hat ja nicht sein sollen. Das war, wie die Weninger Kathrin’ zu uns auf die Mühle in Dienst kam, mit der hielt ich es auf der ehrlichen geraden Straße, der war viel an mir gelegen, und ich freute mich, daß ich einmal auch so eine fand. Was für ein Ende es genommen, darauf mögen sich wohl noch viele Leute im Ort besinnen, mein Vater steckte sich hinter den Herrn Pfarrer und den Herrn Bürgermeister, durch den Schandarm ließ er die Dirne, die keine sichere Stunde mehr hatte, von der Mühle wegholen, mit Dieben und Landstreichern auf einen Karren laden und nach ihrer Heimat abschieben. Seither hab’ ich das Weibsbild nicht mehr gesehen. Mich aber nahm der Vater in seine Stube und sagte, wenn mir nur um das Heiraten zu tun wäre, so hätte er eigentlich nichts dagegen, und es schicke sich eben eine Gelegenheit dazu, die ihm tauge und auch mir recht sein könne; auf den Strauch geschlagen habe er schon, die reiche Müllerstochter aus dem Nachbarort gäbe man mir gerne und die dürft’ mir doch nicht zu gering sein? Am Hochzeitstage wolle er mir die Mühle verschreiben, und dann mit Weib und Kind nach dem Hof der Schwiegereltern ziehen, weil die alten Leute sich zur Ruhe setzen möchten. Ob ich mit all dem einverstanden wäre? Ich sagte: nein, — und wenn er mir eine Kronprinzeß zum Weibe angetragen hätte, ich hätte ihm nein gesagt, nur um ihn zu ärgern, und dabei glaubte ich auch bleiben zu können; aber er führte mich zu seinen Büchern und Aufschreibungen, und da hatte es nicht viel Rechnen not, so wußte ich, wie eine Stiefmutter wirtschaften und zur Seite schleppen kann. Der Vater hatte mir gar nichts mehr zu vererben, binnen Jahr und Tag konnten uns die Gläubiger aus unserm Besitze treiben und ich hätte, wie der ärmste Knecht, mir Brot und Unterkunft suchen müssen; wollte ich die Mühle, worauf die Herlinger an die hundert Jahre gehaust hatten, behalten, so mußte ich wohl die Müllerstochter nehmen und so hab’ ich sie denn auch genommen. Meine Sippschaft zog fort, und wenn nur ein wenig Glück mit meinem Weibe hätte einziehen wollen, es wäre nun Platz gewesen! Viel Geld, das muß ich sagen, kam mit ihr in das Haus, aber wenig Segen. Ich merkte bald, wir waren einander zu gleich, es hatte eines dieselben Fehler und Untugenden wie das andere, und da rechtet keines mit sich, sondern was man nicht gerne an sich selber sieht, das verschimpfiert man dann an dem andern. Sie war nicht besser wie ich. Ich sage nicht, daß sie auch leichtlebig gewesen wäre, aber sie war nicht besser als ich, und die Weibsleute sollen immer besser sein wie der Mann, sonst taugen sie nichts. Das war ein böses Einsehen, denn mit aller Hoffnung auf einen gedeihlichen Hausstand war es vorbei, und als Gott mein Hauskreuz zu sich nahm, da war es zu spät, ich hatte mich schon in alles darein ergeben, und es war nichts mehr da, nach was ich hätte verlangen mögen. — Ja, die erste Zeit hatte ich oft an die Kathrin’ gedacht, denn manchmal hätte ich wohl auch gerne jemanden zur Ansprache gehabt, von dem ich wußte, er sei mir so recht vom Herzen gut. Eines Abends setzte ich mich hin und schrieb einen Brief an sie, schrieb ihr, daß ich für sie und ihr Kind sorgen wolle, daß ich sie noch immer lieb hätte und daß sie auch mich nicht vergessen solle; und ich gestand ihr zu, es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre ihr zuliebe Knecht geworden, als wegen der andern auf der Mühle verblieben. Es war der erste Brief, es sollte auch der letzte sein. Eben als ich ihn zusiegeln wollte, erhielt ich eine Vorladung vors Kreisgericht, die Katharina Weninger hatte sich einen Advokaten genommen, damit er vor Gericht ausmache, daß ich ihr das Kind veralimentiere. Da hatte ich die Antwort auf meinen Brief und konnte das Porto ersparen. Die Vorladung vors Gericht, Hochwürden, die Vorladung vors Gericht, das war der erste Gruß nach so langer Zeit, das war das erste Lebenszeichen, das der Vater von seinem Kind erhielt. Da hab’ ich denn meinen Schreibbrief zerrissen, und weil gar kein Vertrauen zu mir war, auch für den Buben, so lang noch mein Weib und die andere lebte, nicht mehr getan, als mir ist aufgetragen gewest; an die Ansprach’ war nicht mehr zu denken, und seither hab’ ich mich auch ohne einer beholfen.“

„Das war wohl auch das Klügste, Herlinger. Der Brief, den Er an die Weninger schrieb, hätte doch zu nichts Gutem geführt. Wenn die Dirn’, nachdem sie einmal durch Ihn ins Unglück gekommen war, nicht weiter samt dem Kinde von ihm abhängig sein wollte, sondern ihr Recht suchte, so hat sie nur ihre Pflicht getan, und das war auch von ihr klug.“