„Nun, schau,“ sagte er, „gerade eben darum möcht’ ich gern mit dir den Anfang machen, weil du so hübsch in der Mitte zwischen einer Reindorfer Leni und einer Melzer Sepherl liegst.“
Die Dirn’ wandte sich ab.
So gingen sie nebeneinander her und die Kleehuber Franzl fand noch oft Gelegenheit, ihm „sein loses Maul zu verbieten“.
Sie gelangten in das Dorf, aus dem Wirtshause scholl ihnen Musik entgegen, Florian warf mit einem wildlustigen Aufschrei seinen Hut in die Luft, fing ihn auf, drückte ihn tief in die Stirne und stürzte sich mitten hinein in das Gewühl der tanzlustigen und durstigen Gäste.
Die Vögel sangen nicht, sie lärmten so aufdringlich laut, und grell schlug das Sonnenlicht durch die fächelnden Blätter an den oberen Zweigen der Büsche und an den Kronen der Bäume, längs des Waldweges, den Magdalena dahinschritt. Fernab lag die Straße, wo eine Begegnung sie hätte verstören oder zerstreuen können, das Auge ihrer Eltern folgte ihr nicht mehr und das närrisch-tröstliche Geplauder von befreundeter Lippe war längst an ihrer Seite verstummt; sie fühlte sich allein und was sie sich auch darauf zugute tat, daß sie ihren alten Leuten und der Jugendgespielin gegenüber stark geblieben und über ihr Los gedacht, wie es der Vater nicht anders hätte sagen können: dagegen kann kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag, — lange schon war der Zweig, den sie unter diesem Denken dort vom Busche gebrochen, ihrer Hand entglitten, gar weh überkam sie der Gedanke, wie übel es doch sei, wenn der Mensch den Kopf gegen das Herz, all sein Besinnen gegen sein Empfinden ausrufen müsse; zwei schwere Tränen traten ihr in die Augen und überwältigt von dem Gefühle, — „halt doch unglücklich zu sein, wie nit bald eines,“ — warf sie sich nieder auf den Rasen und drückte laut aufschluchzend ihr Gesicht gegen das Bündel.
Ja, dagegen kann auch kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag!
Plötzlich aber raffte sie sich auf und eilte, wie flüchtend, den Waldweg entlang, hinaus auf die offene Straße. Bis dorthin, wo das Marterkreuz hersieht, ist ihr die Gegend bekannt, sie hat dieselbe vielhundertemal gesehen, von dort aber beginnt für sie die weite Welt, von der fast alle, die nach ihr ausziehen, Glück erhoffen und begehren; sie, die nur so ins Leben hereingeschlüpft ist, will demütiger sein und für das bescheidenste Plätzchen mit dem vollen Einsatze ihres ganzen Pflichtgefühles bezahlen, denn sie hat nicht wie andere mit Gott und Welt dafür wett zu werden, daß sie da ist, sondern weil sie da ist.
Und als sie vorübergeschritten war an dem gemauerten Pfeiler mit der vom Regen verwaschenen Bildtafel, da forderte der ungewohnte Weg ihre Aufmerksamkeit, tausend und ein Gegenstand ihr Auge, fernes und nahes Geräusch ihr Ohr; an allen Sinnen beschäftigt, von jedem Gedanken, außer jenen auf das Zunächstliegende, abgelenkt, ging sie wie träumend an Feldern, kleinen Dörfern und einsamen Weilern vorüber und gegen Abend stieg sie von dem Kamme eines Hügels hernieder und schritt auf die Kreisstadt zu.
Was sie, um sich zurechtzufinden, die Leute fragte, und was diese, sie recht zu weisen, antworteten, sie behielt es nur die kurze Strecke über, bis wo sie aus dem beängstigenden Gehaste der Fußgänger hinweg in einen ruhigen Hausflur trat und der tosende Straßenlärm in dem stillen Stübchen erstarb, zu dessen Tür ein altes, kleines, freundliches Mütterchen sie hineinschob.