Dort saß in einem hohen Lehnstuhle ein greiser Mann, der Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht und Magdalena erkannte sofort in ihm ihren Oheim; das war Zug für Zug der Vater Reindorfer, nur noch einige Jahre älter und infolgedessen hinfälliger, aber so und nicht anders wird er aussehen, wenn er das gleiche hohe Alter erreicht, was sich ja bei seiner zähen Lebenskraft wohl erwarten ließ und das Mädchen auch vom Grunde ihres Herzens hoffte, trotzdem sie bald mit sich uneins ward, ob sie ihm damit Gutes wünsche.
Die alte Frau sagte dem Greise ziemlich laut ins Ohr, wer da sei, sie mußte es mehreremal wiederholen, dann nickte er und lächelte, es war ein verlorenes Lächeln und etwas wie Ärger lag dabei in den Augenfältchen, denn er war nicht gewiß, ob er auch recht verstanden habe. Er ergriff die dargebotene Hand des Mädchens. „Je ja, je ja, vom Bruder Joseph. Und wie groß du bist. Wie groß. Schau, schau, die Liese.“
„Das ist meine Schwester, die hat geheiratet, schon vorlängst.“
„So? Ja, die hat geheirat’t.“
„Ich bin die Leni. Die Jüngste.“
„Na schau, na schau, das hab’ ich gar nit gewußt, daß der Bruder zwei Mädeln hat, von dir hat er mir ja gar nichts sagen lassen.“
„Aber er sagt, er hätt’ noch eigens den Bruder und die Schwester zu euch nach der Stadt geschickt.“
„So, so, wann war denn das?“
„Es ist nun achtzehn Jahr’ vorüber.“
„Achtzehn Jahr’? Das ist doch spaßig, ich kann mich darauf nicht besinnen und wie sein Erstes zur Welt gekommen ist, das weiß ich noch wie heut. Das ist gewesen vor sechsunddreißig Jahren, da hat er, ohne anzuklopfen, dort die Tür sperrangelweit aufgerissen und zum Grüßgott hereingerufen: Wir haben einen Buben! Das war ein sauberes Kind, ist ihnen aber nicht lange verblieben. Das weiß ich noch wie heut — noch wie heut, — daß aber dein Bruder und deine Schwester sollten bei uns gewesen sein?“ Er stützte den Kopf auf die Hand und sann nach. Nach einer Weile fiel sein Blick auf den Brief, den Magdalena vor ihn hingelegt hatte, er erbrach ihn mit den zitterndem unbeholfenen Händen und versuchte ihn zu lesen, er wendete ihn und drehte ihn. „Hihi, ich behalt’ nicht, was er da schreibt, er wird halt auch alt, der Joseph — auch alt. Was schreibt er denn?“