Die alte Frau hatte während des ganzen Treibens gegen das Mädchen ein paarmal mit dem Kopfe genickt und dazu gar kläglich die Augen zur Zimmerdecke aufgeschlagen. Ja, was für Beschwer und Kreuz macht einem ein so alter Mann! Sich wollte sie bedauern lassen, ihn nicht, für ihn geschah ja alles, was sie konnte. Nun nahm sie den Brief und hatte alle Mühe, ihn dem ehemaligen Schulmeister verständlich zu machen.
„Armes Kind,“ sagte sie, „daß wir dich die Nacht über bei uns behalten, das versteht sich von selbst, das ist aber auch alles, was wir für dich tun können, zu Rat und Tat sind wir keinem mehr nütze, die Welt und die Leute sind uns fremd geworden, wir gelten nun schon vorweg wie gestorben und begraben. Ja, ei ja wohl.“
Dem Mädchen ward ein ebenso schmaler, als kurzer Diwan zur Schlafstelle angewiesen, dann sollte der alte Schulmeister zu Bette gebracht werden, der fügte sich aber nicht sofort, er setzte allem gütlichen Zusprechen ein zänkisches Gekeife, aller ärgerlichen Bedrohung ein beleidigtes Empfindlichtun entgegen und es dauerte geraume Zeit, bis er zur Ruhe kam.
Magdalena gestand sich im stillen, der alte Mann sei greinig und launenhaft wie ein Kind, ohne daß er es vermochte, auch manchmal lieb zu sein, wie ein solches, aber er war ebenso hilflos und der Pflege bedürftig, und hätte man es an dieser fehlen lassen, es wäre ihm gewiß weh zu Herzen gegangen. Ei ja, so hohes Alter bringt wohl nur Beschwer und Mißmut über die, welche man andern macht, und der es erreicht, hat keine Freude daran! Und nun ward ihr auch klar, warum sie trotzdem ihrem Vater ein solches wünschte, er hat ja nichts Gutes davon, es war eigensüchtig von ihr, aber es war liebende Eigensucht, sie wollte sich die härteste Mühsal nicht gereuen lassen, um in der Sorge für seine letzten Tage ihren Gefühlen gegen ihn genug zu tun, und wie sie es nie vergaß, so sollte es die Welt daraus innewerden, was der alte, hinfällige Mann ihr dereinstens gewesen war. In diesem Sinne betete sie zu Gott, daß er ihr erhalten bleiben möge, und nach diesem Gebete versuchte sie einzuschlafen, aber die unbequeme Liegerstatt, das ganz Ungewohnte der ersten Nacht, die sie in ihrem Leben unter fremdem Dache zubrachte, der Straßenlärm, der jetzt in der Stille der Nacht wieder vernehmlich wurde, nicht betäubend wie am Tage, aber wie ein fortwährendes fernes Gegrolle und dumpfes Gebrause, all das ließ sie nur in einen Halbschlummer verfallen, aus welchem sie beim Morgengrauen emporschreckte und sich müder und mutloser fand als am Tage zuvor.
Der alte Oheim schlief noch, die Tante setzte sich im Bette auf und küßte das Mädchen auf die Wange und dieses trat zum Hause hinaus in die Morgenfrische und suchte den Weg zum Bahnhofe. Sie löste am Schalter die Karte, und als der Zug heranrollte, stieg sie ein und drückte sich scheu in eine Ecke.
Ein paar Stunden hatte die Fahrt gedauert. Magdalena sah nicht mehr aus dem Fenster, nicht mehr nach den Mitreisenden. Es war nun der zweite Tag, an dem ihr nur fremde Orte und fremde Gesichter — den alten Schulmeister etwa ausgenommen, der sie an Vater Reindorfer erinnerte — vor Augen kamen, und wie sie sich jetzt fühlt, selbst wildfremd, unter Leuten, die es ihr weder gut noch böse meinen und ihr keinen Anlaß geben, Dank zu betätigen oder Unbill zu wehren, ganz so unselbst und willenlos wird sie sich auch in der Stadt fühlen, und das wußte sie wahrhaftig nicht zu sagen, ob sie je dorthin käme, versuchte einer, dem sie zu vertrauen vermöchte, sie eines anderen Weges zu leiten, in dieser Stunde, wo ihr jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schiene.
Sie hielt ihre Blicke nach dem Bündel gesenkt, das auf ihren Knieen lag, und zupfte an den Falten des Einbindetuches.
„Sinnst zu viel, Dirndl,“ sagte eine Stimme.
Als sie fragend aufsah, guckten ihr aus einem runden, rotbäckigen Gesichte, das von kurzen, weißen Haaren umrahmt war, ein paar kluge, graue Augen entgegen.
„Sinnst zu viel, Dirndl. Fahrst denn weit?“