„Magdalen’ Reindorfer.“
„Nit, daß ich neugierig bin, aber wann sich’s schickt, daß wir einig werd’n, so müssen wir doch eins ’s andere kennen lernen. Daß ich dir also sag’, derselbe Grasbodenbauer in Föhrndorf is mein Schwiegersohn, sein Weib — Gott laß mein Kind ruh’n! — is ihm schon vor Jahren verstorben, nur ein klein’s Menscherl is da von ihr, geht jetzt ins zwölfte Jahr und is allweil siech; aber das muß dich nit verschrecken, sie hat kein’ Krankheit, die sich auf ein anders übertragt, dieselbe is ein Übel, das alleinig auf dem verbleibt, den ’s betroffen hat. Ein Professor, zu dem wir’s gebracht hab’n, hat g’sagt, ein’ Nervenkrankheit tät’s sein, — frei zum Lachen, wann’s nit so traurig wär’ — in der Stadt soll’n wohl mehr Leut’ so sein, aber da mit einmal eins mitten unter uns Bauern! Nun und da braucht der arme Hascher sein’ Wartung und sein’ Aufsicht, und das schafft uns, je älter sie wird, je mehr und mehr Sorg’ und Kreuz; sie leid’t unterm G’sind keins, das ihr nit zu G’sicht steht, da hat noch all’mal schleunig mit jedem aus’packt werd’n müssen, manch’ guten Knecht und manch’ brave Magd hab’n wir ihretwegen wegg’schickt, na, und gar von den Dirnen, die allweil hätten um sie bleiben sollen, hat’s uns bisher keine kein’ Stund’ lang nit duld’t, das hätt’ nur übel ärger g’macht! Aber wie ich mir dich so betracht’ hab’, da ist mir der Gedanken ’kommen, ob ich’s nit vielleicht mit dir treffen möcht’, ob ’s dich denn nit leiden könnt’?! O, ich hab’ dich ganz g’nau beobacht’, mein liebe Dirn’! Vorhin, wie d’ noch munterer g’wesen bist und die zwei Herrn dort ent’ im Eck kurzweilige Reden g’führt hab’n, da hast du wohl g’schmunzelt, denn Spaß bleibt Spaß und ihn nit verkennen, das is schon recht, aber verquer is er dir ’kommen und zur Unzeit und drum hast ’s Lachen bezwungen; wann sich’s schickt, würd’st wohl auch ’n Ernst bezwingen können und grad dös, daß einer geg’n sich selber aufkommen kann, is ’s Notwendigste, was der Mensch auf der Welt braucht und was mer schon ’n Kindern von klein auf beibringen sollt’, denn solang ich’s unter’n Händen hab’, verhüt’ ich wohl, daß ’s ein’ Dummheit machen, wann ich’s aber freilassen muß, nachher nimmer. Ja, schau Dirn’, vermöcht’ sich nur ein jeder zu bezwingen, kein’ Schlechtigkeit gäb’s mehr in der Welt, kein’ Sünd’ nit! Freilich, mein’ liebe Dirn’, kann ich nach dem kurz’n Aug’nschein nit wissen, wie weit du über dich Herr bist, aber du gibst dir das Ansehn, wie eins, das sich bei sich selber in Respekt zu setzen weiß, und dasselbe g’lassene Wesen wirkt auch auf andere, denn wenn die Ärzten sag’n. — du magst baden oder trinken — daß sich vom Wasser mitteilt, was drein steckt und dich g’sund oder krank macht, so mehr wird sich doch, was in ein’ Menschen Gut’s oder Übels steckt, ein’m andern mitteilen, der mit ihm häufig Umgang hat! Soweit wär’s mir wohl recht, du tät’st dich entschließen und gingst mit mir und schauest dir unser’ Kleine an. Dann hast auch so ruhig’s, bedeutsam’s G’schau; das is eine Gottesgab’, wann eins mit den Augen reden kann, — wo oft keine tausend Wort’ flecken, hilft dös. Ja, ja.“ Wieder faßten die Finger in das weiße Haar und aufseufzend sagte er: „Ah, mein, hart red’t sich’s mit dir, fragst nix und sagst nix.“
„Ja, wußt’ ich denn, daß d’ schon fertig bist? Und bevor tät’ sich’s doch nit ziemen, daß ich dir in d’ Red’ fall’!“
„Weit g’fehlt! Freilich muß ich ’s Wort führen, daß d’ Red’ nit einschlaft, aber du sitz’st da wie ein Stummerl und laßt mich schon d’ längst’ Zeit her über Macht reden.“
„Was soll ich denn sagen, Bauer? Mir wär’s ja in d’ Seel’ h’nein recht, wenn sich’s so schicken möcht’, wie du denkst; aber wer weiß, mag mich die kleine Dirn’ leiden?“
„No, so wär’n wir doch soweit einig, daß d’ mitgingst?“
„Mitgeh’n tu’ ich dir schon.“
„Na, und sollt’n mer uns vergeblich’ Müh’ machen, so brauchst doch du nit z’sorgen weg’n dem, was du versäumst und verlierst, weil d’ Reis’ unterbrichst, der Grasbodenbauer is mein Schwiegersohn und der laßt sich nit spotten und dann bring’ ja ich dich hin und ich bin dir wohl auch für den Schaden gut; jed’ Kind in Föhrndorf und in Hinterwalden, wo ich daheim bin, kennt mich, ’n Bauer vom Hof auf der weiten Hald’. Also es gilt, Dirn’.“ Er hielt die Rechte hin und Magdalena schlug ein.
„Mit geh’ ich,“ sagte sie, „aber für’n Ausgang steh’ ich nit, denn wo’s Aussehn alles richten soll, da kommt’s eben aufs Anschau’n an.“
„Wohl, aber beim Anschau’n auch aufs Aussehn, dächt’ ich nit so, möcht’ ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von dein’ geweisten Weg abzureden. Wann die Eisenbahn zunächst wieder stillhalt’, steigen wir aus und fahr’n hinüber nach Föhrndorf. Schaust dir’s halt an, ’s klein’ Menscherl, wirst ja nachher wohl versteh’n, wie ’m Großvater hart g’schieht, daß er wildfremde Leut’ inmitten Weg’s anspricht, denkt er, sie könnten da helfen, wo er nit kann.“