„Ah, Hochwürden, nichts für ungut, das ist da ganz etwas anderes. Mein Vater war mein Vater, mußte es sein, bei mir aber kommt es doch auf den guten Willen an, ich kann meine Bedingung stellen, ich kann sagen, so bin ich dir Vater, und anders bin ich dir es nicht! — Ihr müßt dem Herumtreiber nicht das Wort reden, Hochwürden, es wird Euch auch keinen Dank einbringen.“

„Dankes wegen tue ich es auch nicht, es geschieht wegen Ihm selber, Müller, damit es Ihm nicht auf dem Gewissen bleibe, komme er mir daher nicht mit Kniffen, den Burschen braucht Er vor mir nicht schlecht zu machen, Er muß es ja am besten wissen, Herlinger, daß ich auch mit räudigen Schafen wohl umzugehen weiß; wenn ich Ihn jetzt verliere und dafür mit dem neuen Müller ein anderes in den Stall kriege, so gleicht sich das nur aus.“

„Hihi, dasselbe dürft’ schon sein.“

„Daß ich auf die Art nicht zu kurz komme, möchte ich gerade keinen Vorteil nennen, und so mag Er wohl glauben, Müller, daß ich nach keinem frage. Ich frage auch nicht danach, wozu Er nach weltlichem Rechte etwa gezwungen oder nicht gezwungen werden könnte, frage nicht, ob es vielleicht, der Leute wegen, besser wäre, das böse Beispiel, das Er einst gegeben, vergessen zu machen und damit aller üblen Nachrede ein Ende zu bereiten. Wozu Ihn die Gerichte bemüssen, die Leute bereden könnten, danach habe ich nicht zu fragen; aber das habe ich zu fragen, ob Er es auch vor Gott wird verantworten können? Der Bursche ist leichtsinnig, liederlich ..... schlimm genug, aber eben nur ein Grund mehr, sich seiner anzunehmen, ihn nicht ganz sich selbst zu überlassen. Herlinger, Er weiß recht gut, wie einem Kinde ist, das keine Elternliebe genossen hat, Er weiß recht gut, daß des Verwilderns kein Ende ist, wenn man einem ohnehin leichtlebigen Burschen die Dirn’, die er einmal für sein Leben gern hätte, zum Hause hinausjagt, — und davon will Er seinem eigenen, leiblichen Kinde nichts ersparen? Auch das soll sich im Leben nie rühren und nie wehren können, und was wird endlich aus ihm werden, da ihm der letzte Anhalt fehlt, den doch Er, Müller, immer gehabt hat, ein Heimwesen!? Herlinger, bedenk Er wohl, Er kann seinem Kinde ein Heiland oder ein Verderber werden, Er kann machen, daß es Ihm nachsegnet oder nachflucht, und es ist ganz in Seine Hand gegeben, welches Bewußtsein er mit sich in die Grube nehmen will.“

Die mageren Hände über der Bettdecke hatten in ratloser Eile herumgesucht, jetzt zerrten sie ein verwaschenes, blaues Sacktuch aus seinem Verstecke hervor und führten es rasch nach dem Gesichte des Kranken, der nun mit außergewöhnlichem Nachdrucke dasselbe in gewohnten Gebrauch nahm, dann knüllte er es zusammen, schob es wieder unter die Polster, und sagte trocken: „Nun, so werd’ ich halt den Sappermenter auf meinen Namen und an die Mühle schreiben lassen. Aber das gilt erst, wenn ich verstorben bin, solang ich leb’, bin ich der Herr, und da darf sich keines wider meinen Willen einnisten.“

„Gut, Herlinger, verlieren wir darüber keine Zeit, sondern lasse Er uns die Hauptsache erst in Ordnung bringen.“ — Der Pfarrer öffnete die Tür und rief den Knecht herbei, der ihn gefahren hatte. „Barthel,“ sagte er zu diesem, „du mußt dann, wenn du mich nach dem Pfarrdorf zurückgebracht haben wirst, weiter nach der Kreisstadt fahren, dort den Herrn Notar aufsuchen, und ihn morgen mit dem frühesten mitbringen.“ — Er wandte sich an den Kranken. „Was soll er denn dem Doktor Schneller sagen?“

„Der Herr Doktor möcht’ so gut sein und die Schriften wegen dem Florian wieder hervorsuchen, er wird es schon wissen, im vorigen Herbst war ja schon alles bereit, aber da hat es der Bub’ durch seine Bockbeinigkeit rückgängig gemacht.“

Der Knecht kraute sich verlegen hinter dem Ohr. Ihn dauerte nur die Mühle, der Florian wird einen raren Dienstherrn abgeben! Vergangenes Jahr noch hat ihn jeder verlumpt den lieben Tag lang herumstromen gesehen, wo soll da der Respekt herkommen? Da kann auch kein ordentliches Gesinde mehr aushalten, kein Weibsbild, das in Ruh verbleiben will, und kein Knecht, der seine Sach’ besser weiß als der Herr; aber die Mühle kann einer schon bedauern.

Der Pfarrer stellte sich auf die Fußspitzen, um dem langen Burschen auf die Achsel zu klopfen. „Barthel,“ sagte er zu dem Zusammenschreckenden, „du kannst auch dem Notar sagen, daß er dem Florian nach der Stadt telegraphieren soll, so kann auch der morgen schon da sein.“

„Wozu braucht Ihr den Burschen, Hochwürden,“ fragte heiser der Kranke, „was soll der hier machen?“