„Bin ich, und Sie ist wohl die Neue? Ja.“ Er griff sofort wieder nach der Türklinke. „Hm, hm, wenn aber immer gestern nichts war und heut nichts ist und morgen nichts sein wird, hm, hm, so holt sie mir nie die andern ein, hm, und wenn sie zurückbleibt, gibt der Grasbodenbauer dann mir die Schuld, hm, hm, und mein Stundengeld sieht, unverdient, einem Almosen gleich wie ein Ei ’m andern. Hm!“
Brummend schob er sich zur Türe hinaus.
Nach dem Lehrer kam noch der Grasbodenbauer herauf, nachsehen, nach ihm die alte Sepherl, die das Abendessen heraufbrachte, dann blieb es stille im Kämmerlein und ward allmählich dunkel.
„Burgerl,“ sagte Magdalene, „es irrt dich wohl nit, wenn ich ein Licht anzünd’ und du leihst mir wohl dein Schreibzeug und schenkst mir ein Fleckl Papier?“
„Das erste irrt mich nit,“ antwortete Burgerl, „’s eine Andre leih’ ich dir gern und vom anderen Andern nimm dir, wieviel d’ brauchst.“
„Ich muß doch nach Haus schreiben, daß meine Leut’ wissen, wo ich verblieben bin. Mein Vater, der steif und fest glauben muß, ich sei jetzt zu Wien, wird sich wohl wundern, wenn er mit einmal ein’ Brief von ganz fremd woher kriegt.“
Als sich Magdalene alles zurecht gestellt und gelegt, saß sie beim flackernden Kerzenlichte und sann. Es war der erste Brief, den sie in ihrem Leben selbständig zu schreiben hatte, denn in der Schule hatte sie wohl auch „im deutschen Aufsatz“ Briefe zu schreiben „aufgekriegt“, aber da hatte immer das Buch und der Lehrer nachgeholfen.
Jetzt mußte sie allein mit sich schlüssig werden, was sie zu schreiben habe, — das war die „Aufgabe“, — wie sie es zu schreiben habe, daß es auch recht herauskomme, — das war der „Stil“, — wie jedes Wort geschrieben werde, — das war die „Rechtschreibung“, — und wie jeder Buchstabe, — das war das „Schönschreiben“. Ja, es ist wohl gut, wenn eines was gelernt hat, aber man sollte es nicht glauben, was man zu so einem Briefe alles braucht!
Sie krümmte den Oberkörper über die Tischplatte, kniff die Lippen zusammen und krampfte die Finger um die Feder. Anfangs achtete sie nicht auf die kleinen Falter und Mücken, die, von der Flamme gesengt, auf das Blatt fielen, seit aber solch ein verunglücktes Insekt sich in den nassen Schriftzügen gewälzt und hinter sich mit den genetzten Flügeln eine Straße gezogen hatte, blies sie ärgerlich all das Ungeziefer hinweg.
Mit der ersten Seite war sie zustande gekommen. Den angefangenen Satz schon fertig im Kopfe, das nächste Wort schon in der Feder, saß sie ungeduldig; die Schrift wollte nicht trocken werden, die Schattenstriche waren ihr gar zu gut geraten. Sie faßte das Blatt und fuhr damit behutsam über der Kerzenflamme hin und her, bis kein Buchstabe mehr blinkte, dann schrieb sie weiter. Mit der zweiten Seite endete auch der Brief, sie seufzte froh auf, als sie ihren Namen unterfertigte; nun galt es nur noch das Blatt zusammenzufalten und die Adresse darauf zu schreiben.