Wieder fächelte sie damit über dem Lichte, einen halben Blick tat sie dabei nach dem Fenster; außen am Nachthimmel brannte in heller, freundlicher Lohe ein Stern.
Lieb’ Sternderl, du leucht’st jetzt wohl auch daheim über unserm G’höft und spiegelst dich in dem Wasserstreif, der der Mühl’ zuschleicht ...
„Jesus!“
Das Papier war so geduldig gewesen, wie es ihm zugeschrieben wird, es hatte sich braun sengen lassen, aber jetzt flackte es auf und brannte hell.
Entsetzt starrte Magdalene darauf hin, es fehlte ihr fast an Atem, die Flamme auszublasen. All die schwere Mühe war umsonst gewesen! Tränen des Unmuts traten ihr in das Auge, als sie nun abermals nach der Feder griff, denn verschieben durfte sie es nicht, heute schickte sich just Zeit dazu, wer weiß, ob morgen wieder? Ach, und so gut wie er ihr aufs erstemal geraten, gerät ihr der Brief wohl auch nimmer!
14.
Tag reihte sich an Tag und Woche an Woche. Seit das Kind mit einer älteren, überlegenen Gespielin im Verkehre stand, diese täglich lieber gewann und auch seinethalben bedacht und besorgt wußte, ward es zusehends beruhigter, die widrigen Anfälle traten minder häufig und heftig auf, dafür hing aber auch Burgerl wie eine Klette an Magdalenen und diese behielt wenig Zeit für sich, und das hatte wieder für sie sein Gutes; die stete Bedachtnahme auf die Kleine, das Hineinleben in die neuen Verhältnisse und Vertrautwerden mit denselben beschäftigte sie vollauf, und ganz von der Gegenwart in Anspruch genommen, fand sie keine Muße, sich um die Zukunft zu sorgen, oder die Vergangenheit, wenn sie selbe auch nicht vergessen konnte, sich zu vergegenwärtigen und Gedanken darüber nachzuhängen, und wenn, nach einem innersten Herzwinkel zurückgedrängt, auch manchmal in nächtlichen oder wachen Träumen das Vergangene schmerzend dort aufzuckte, so deckte doch der Tag mit seiner satten Farbe das matte Traumbild und das unmittelbare Empfinden verscheuchte das träumerische Erinnern.
Magdalene hatte nur jene Stunden für sich, während welcher der Lehrer mit Burgerl sich abmühte, die Anzahl derselben war aber in der letzten Zeit vermehrt worden. Lange schon hatte der Alte geklagt, daß das Kind so wenig aufmerke und so schwer in der Stube zu halten sei, aber in seiner Unbeholfenheit hatte er sich nur Knechten und Mägden auf dem Gehöfte und Leuten im Orte anvertraut, die alle ihm weder helfen konnten, noch wollten und seine Aussage nur als willkommenen Stoff zu Klatsch benutzten, um dem reichen Bauer hinterrücks eins aufzuhängen, die einen gaben ihm schuld, daß er das Kind verwahrlosen lasse, die andern fanden ihn dadurch bestraft, daß dieses ganz und gar „deppig“ sei und wohl auch sein Leb’lang bleiben werde; wodurch er die Schuld auf sich lud und wofür er die Strafe trug, darüber zerbrachen sich allerdings weder die einen noch die andern die Köpfe. Ganz zuletzt kam dem Lehrer der Einfall, der vielleicht jedem anderen zuerst gekommen wäre, sich an den Vater seiner nachlässigen Schülerin zu wenden, aber für den ängstlichen Mann war es eben kein Kleines, dem Angesehensten im Orte und weit in der Runde zu sagen, dein Kind ist weniger anstellig als der nächstbeste Kleinhäuslerrange, der mir mit bloßen Füßen in die Schulstube gerannt kommt.
„Nichts für ungut, Grasbodenbauer,“ sagte er denn eines Tages, „aber ich kann dein’m Dirndl kein Vakanz mehr verstatten, hm, hm, es ging wider mein Gewissen, sie bleibt mir hinter alle zurück, hm, hm, und wenn du sie prüfen ließest und sie bekäm’ ein schlecht’ Zeugnis, das wär’ mir eine ewige Schand’, hm, hm, ja, denn wie rechtschaffen du mich für mein’ Sach’ bezahlst, möcht’s schier aussehen, als käm’ ich nicht dafür auf, hm, hm, und da tät’ ich wohl bitten, du verhielt’st mir’s dazu, daß sie auch an Donnerstagen und Sonntagen Lehrstunden nimmt, hm, hm, mich reut die Müh’ nit und du brauchst’s nit extra z’lohnen.“
„Weißt, Schulmeister,“ sagte der Bauer, „das fiel’ mir nit bei, daß ich dich anschuldigen möcht’, als verstünd’st du dein’ Sach’ nit, wann dir’s gleich bei derer Teuxelsdirn’ fehlschlaget. Das Köpfel wär’ nit so schlecht, das weiß ich, aber Sitzfleisch is kein’s da, das weiß ich auch, und streng sein fleckt da nit, ich dankte Gott, vertrüg’ sie wie ein anders ein’ Tracht Schläg’; aber du weißt ja! No, daß wir von der Sach’ reden, was übers Bedungene hinausgeht, das kann ich mir nit schenken lassen und da drüber würden wir uns wohl einigen, ich frag’ dich nur, ob du glaubst, daß du in derer Weis’ was richt’st?“